3. Mai 2012

Anarchie und Plünderung - Folgen der Demokratie?

Thomas Babington Macaulay (1800 - 1859)

Vor genau einhundertsiebzig Jahren, am dritten Mai 1842, fand im britischen Unterhaus - das seit dem Reform Act von 1832 von etwa einem Fünftel der erwachsenen Männer gewählt wurde - eine erregte Debatte statt:

Die Chartisten hatten eine von mehr als 3 Millionen Menschen unterzeichnete People´s Charter vorgelegt, in der das Wahlrecht für alle männlichen Erwachsenen sowie geheime Wahlen gefordert wurden.

Für die liberalen Whigs trat der Historiker Thomas Macaulay der Forderung entgegen:
"The inequality with which wealth is distributed forces itself on everybody's notice. It is at once perceived by the eye. The reasons which irrefragably prove this inequality to be necessary to the wellbeing of all classes are not equally obvious.

Our honest working man has not received such an education as enables him to understand that the utmost distress that he has ever known is prosperity when compared with the distress which he would have to endure if there were a single month of general anarchy and plunder. (...)

In every constituent body throughout the empire the working men will, if we grant the prayer of this petition, be an irresistible majority. In every constituent body capital will be placed at the feet of labour; knowledge will be borne down by ignorance; and is it possible to doubt what the result must be? (...)

Our experience, God be praised, does not enable us to predict it with certainty. We can only guess. My guess is that we should see something more horrible than can be imagined--something like the siege of Jerusalem on a far larger scale.

There would be many millions of human beings, crowded in a narrow space, deprived of all those resources which alone had made it possible for them to exist in so narrow a space; trade gone; manufactures gone; credit gone.

What could they do but fight for the mere sustenance of nature, and tear each other to pieces till famine, and pestilence following in the train of famine, came to turn the terrible commotion into a more terrible repose?
The best event, the very best event, that I can anticipate,--and what must the state of things be, if an Englishman and a Whig calls such an event the very best?--the very best event, I say, that I can anticipate is that out of the confusion a strong military despotism may arise, and that the sword, firmly grasped by some rough hand, may give a sort of protection to the miserable wreck of all that immense prosperity and glory." (The People´s Charter, Rede im Unterhaus am 3. Mai 1842)
Diese Rede hat Macaulay seinerzeit den heiligen Zorn der Demokraten und später dann den Spott der Nachwelt eingetragen, ist doch die revolutionäre Plünderung ausgeblieben, die er so lebhaft ausmalte.

Es könnte allerdings sein, dass uns allen der Spott noch vergehen könnte.

Staatliche Umverteilung (die Macaulaysche 'Plünderung') ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden; die Staatsquote liegt gegenwärtig bei fast fünfzig Prozent; die Staatsschulden belaufen sich auf zwei Billionen neunzig Milliarden Euro.

Und dies sind nur die Zahlen für die Bundesrepublik, die unter den Blinden Europas die einäugige Königin ist.

Dass all dies - das so wohl nicht ewig wird weitergehen können - mit den Spielregeln zu tun habe könnte, die wir unserer Demokratie gegeben haben, wird freilich bestritten.

Zu Recht?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ist das jetzt, wie bei Macaulay, ein Plädoyer für die Diktatur (strong military despotism)?

Morgenländer hat gesagt…

@Anonym:

Nein. Aber eines dafür, über die Entmächtigung der Politik nachzudenken.

Wenn die Massendemokratie schon unveremidlich ist, sollte man vielleicht den Umfang ihrer Herrschaft beschränken, so wie dies Verfassungen ja schon jetzt tun.

Der interventionistische Maßnahme- und Sicherheitsstaat hat - jedenfalls in meinen Augen - keine Zukunft.

Anonym hat gesagt…

Das Problem liegt wohl eher nicht in der Demokratie, sondern darin, dass Schulden gemacht werden und Schulden gemacht werden ohne die ersten Schulden zurückgezahlt zu haben ...
Eugenie Roth

Friedrich Kuhlau hat gesagt…

@Anonym:

Ohne Morgenländers Antwort vorzugreifen glaube ich doch vermuten zu dürfen, dass er für "strong military despotism" kaum ein Plädoyer schwingen wird. Macaulay macht das ja ebensowenig!

"The best event, the very best event, that I can anticipate,--and what must the state of things be, if an Englishman and a Whig calls such an event the very best?--the very best event, I say, that I can anticipate is that out of the confusion a strong military despotism may arise" - also das klingt nicht nach begeistertem Plädoyer für eine Militärdiktatur, sondern nach der selben Resignation, mit der ein Patient beim Zahnarzt sagt: "Na, wenn's sein muss, dann ziehen Sie den Zahn eben!"

Wenn ich mir ansehe, dass inzwischen die "EUROGENDFOR" als EU-weite Polizeieingreiftruppe "zur Krisenbekämpfung" formiert wurde (näheres zB hier), dann halte ich Macaulays düstere Betrachtungen für durchaus relistisch. Leider!

Marcus hat gesagt…

Ich würde bezweifeln das Macaulay eine Diktatur befürwortet. Er erwartet sie vielmehr als Folge einer demokratischen Massenherrschaft, er bewegt sich damit durchaus im Rahmen des zeitgenössischen liberalen Denkens, welches der Meinung war, die Demokratie (im Sinne von unbeschränkter Pöbelherrschaft) und die Herrschaft des einzelnen Tyrannen (als Caesarismus) würden sich gegenseitg hervorbringen und ablösen. Der historische Hintergrund ist natürlich die Erfahrung der französischen Revolution und darüber hinaus das historische Wissen um das Schicksal der klassischen griechischen Polis und der italienischen Stadtrepubliken der Renaissance.

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Herr Kuhlau,

so wie Sie habe ich Macaulays Rede ebenfalls verstanden; er war nicht nur Historiker, sondern auch ein weiser und weitsichtiger Mann, und der Wald-und Wiesen-Liberalismus, der an einen quasi-automatischen 'Fortschritt der Menschheit' glaubt, war nicht der seine.

Und schon gar nicht war er ein sich an der Phrase der 'Volksherrschaft' berauschender Demokrat, sondern ein Mann, dem Rechtlichkeit und Freiheit mehr galten als 'Mehrheiten', von denen er als Kenner der abendländischen Geschichte schließlich wusste, dass diese auch das Übelste an die Macht befördern können.

Viele Grüße
Morgenländer

Morgenländer hat gesagt…

Liebe Eugenie,

stimmt schon, aber Schulden entstehen ja nicht einfach, sondern werden gemacht; und dass sie gemacht werden, hat eben mit unserer Demokratie schon etwas zu tun, in der die Parteien alles dafür tun, Klientel-Interessen zu befördern, sich aber scheuen, dem Elektorat die Rechnung für ihre Gefälligkeitspolitik zu präsentieren, weshalb man die Kosten denn auch den zukünftigen Generationen auferlegt, die schließlich nicht opponieren können.

Viele Grüße
Morgenländer

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Markus,

Ihr Kommentar trägt den geschichtlichen Hintergrund nach, der in meinem Beitrag fehlte. Tatsächlich war es, wie Sie richtig schreiben, gerade sein Studium der Geschichte, dass ihn skeptisch bis ablehnend auf die Verheißungen der Demokratie blicken ließ; und mit seiner Skepsis stand er ja keineswegs allein, sondern wusste fast die gesamte Tradition abendländischen Nachdenkens über die 'res publica' hinter sich.

Viele Grüße
Morgenländer