2. April 2012

Notizen aus der Provinz

Die meisten werden wohl mitbekommen haben, was sich dieser Tage in Emden zugetragen hat:

Am 24. März wurde ein 11jähriges Mädchen in einem Parkhaus ermordet aufgefunden. Bereits am Dienstag wurde nach Hinweisen aus der Bevölkerung ein 17jähriger festgenommen, der als dringend tatverdächtig galt. Ein Gericht erließ Haftbefehl gegen den jungen Mann, der für die Tatzeit kein Alibi hatte und sich in der polizeilichen Vernehmung in Widersprüche verwickelt hatte, wie es hieß.

Über den Mord und die Festnahme wurde bundesweit berichtet. Dabei ging völlig unter, dass es sich bei dem Festgenommenen nur um einen Tatverdächtigen handelte.

Die BILD-Zeitung (die ich hier aus Prinzip nicht verlinke) etwa schrieb:

"Der miese Kindermörder von Emden (Niedersachsen): Er missbrauchte die kleine Lena († 11), tötete sie und ließ ihre Leiche in einer Blutlache im Parkhaus liegen! Die Kripo ist sicher: DER KILLER IST EIN SCHÜLER (17)!"

Am Abend nach der Festnahme versammelten sich fünfzig Emder und belagerten über mehrere Stunden das Polizeipräsidium, die den Tatverdächtigen am liebsten gelyncht hätten. Auf Facebook häuften sich Drohungen gegen den 17jährigen, dessen Name und Anschrift in dem sozialen Netzwerk kursierte.

Am nächsten Tag verwahrte sich die Staatsanwaltschaft energisch gegen mediale Vorverurteilungen und kündigte an, gegen die Initiatoren des Lnychmobs zu ermitteln.

Am Donnerstag wurde der 17jährige dann aus der U-Haft entlassen. Die polizeilichen Ermittlungen hatten zweifelsfrei seine Unschuld ergeben.

SPON sprach nun in einer jähen Kehrtwende von einem "Ermittlungsdesaster".

Diese Kritik kam dann aber schnell wieder zum Verstummen, als am Sonnabend erneut ein Tatverdächtiger festgenommen wurde, der - wie man dann am Sonntag erfuhr - den Mord inzwischen gestanden hat und gegen den auch andere belastende Indizien vorliegen.

Nun kann man allerorten scharfe - und auch sehr berechtigte - Kritik an den Online-Aktivisten lesen, die einen Unschuldigen vorverurteilt und gemobt haben.

Von einer Selbstkritik der Medien ist allerdings weniger zu lesen.

So vermisse ich bis heute eine Entschuldigung der Emder Zeitung, die neben anderen persönlichen Daten auch preisgegeben hatte, in welcher Straße der 17jährige wohnt.

Und aus der doppelt traurigen Affäre gelernt hat man auch nicht.

So schreibt BILD heute:

"ENDLICH HABEN SIE DEN RICHTIGEN! (...) Doch wer ist der Killer? Er heißt David H., ist Hauptschüler – und womöglich schon ein Serien-Sextäter!"

Vielleicht ist es - nach zahllosen ähnlich gelagerten Fällen - an der Zeit, über eine Änderung des Presserechts und der Strafprozessordnung nachzudenken:

Es wird nämlich  immer schwieriger, Schöffen und Richter zu finden, die durch die Presse"berichterstattung" nicht beeinflusst worden sind.

Auch gibt es in meinen Augen nicht das geringste öffentliche Interesse daran, über die Festnahme eines Tatverdächtigen hinaus über den Verlauf eines Ermittlungsverfahrens auf dem Laufenden gehalten zu werden.

Aber wer in unserer politischen Klasse wird den Mut haben, sich mit den Moborganen BILD, FOCUS und SPON anzulegen, deren Geschäftsmodell es ist, einen Voyeurismus zu bedienen, der ständiger Dosissteigerungen bedarf?

Kommentare:

Thie hat gesagt…

Wir Menschen sind schnell damit unsere Mitmenschen in Schubladen zu stecken und lesen sehr bereitwillig und mit angenehmen Grusel über Mordtaten. Die Bildzeitung erstellt Schlagzeilen die zu eigener Übertreibung anspornen: "Entmenschte Frikadelle ermordet süsse unschuldige Maden" oder so.
Es sollten verbindliche Regelungen über die Berichterstattung von Kriminalfällen gelten. Dieser 17 jährige hat in Emden keine Zukunft.

Alex hat gesagt…

Ach was. Die Medien für die Natur des Menschen verantwortlich machen zu wollen - mein Gott, gerade Christen müssten es besser wissen. Der Mensch hat, als Europa noch christlich war, keine Massenmedien gebraucht, um einen Lynchmord zu begehen. Gerade aus diesem Grunde wurde die Inquisition eingeführt, um wenigstens ein Mindestmaß Recht zu gewährleisten und den Mob im Zaume zu zügeln.
Der Mensch ist, wie er ist. So war er immer, so wird er bleiben. Er ist ein Sünder und kein moralischer Supermensch. Gott sei Dank. Das muss man akzeptieren. Der katholische Glaube existiert allein aus diesem Grund.
Es seie, man hängt linksutopistischen Neumenschentheorien an, die dann regelmäßig unter der Guillotine, im KZ oder im Gualg enden.
Sorry, der Kommentar ist ausdrücklich nicht böse gemeint, sondern als lediglich Anregung zum Nachdenken.

Morgenländer hat gesagt…

@Thie:

Wenn es nur BILD wäre. hätte ich vielleicht gar nichts gesagt; aber mittlerweile sind SPON, FOCUS usw auch nicht viel besser.

"Dieser 17 jährige hat in Emden keine Zukunft."

Auf jeden Fall kann es kein angenehmes Gefühl für ihn sein, in ein Haus zurückzukehren, in dessen Vorgarten aufgebrachte Nachbarn Pflastersteine geworfen haben.

Morgenländer hat gesagt…

@Alex:

Die Anregung zum Nachdenken nehme ich gern auf.

Sie haben gewiss Recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass die Medien hier 'Bedürfnisse' bedienen, die tief im Menschen verankert sind.

Aber das darf uns nicht daran hindern, Schranken zu errichten und ihre Überschreitung zu ahnden.

Und hier meine ich eben , dass die Medien sehr viel dazu beitragen, diese Schranken niederzureißen.

Und das sollten wir nicht einfach hinnehmen.

OneBBO hat gesagt…

Aber die Medien werden sich genauso entsetzt zeigen, wenn es mal einen Lynchmord geben sollte. Dass sie mit der Vorverurteilerei angefangen haben - ich nenne hier z.B. zu Guttenberg und Wulff - werden sie nicht sehen wollen. In den letzten beiden Fällen hatten sie "Glück", dass es die richtigen traf. Aber diese Ereignisse haben m.E. auch dieses Umfeld erzeugt, dass wer verdächtig auch gleichzeitig schuldig ist und endlos mit Mist beworfen werden darf.

Es denn, natürlich, man ist selbst Journalist...

Morgenländer hat gesagt…

@OneBBO:

"Aber die Medien werden sich genauso entsetzt zeigen, wenn es mal einen Lynchmord geben sollte."

Ja, genau. Der BILD-Wagner zum Beispiel, den 'Journalist' zu nenne ich mich allerdings weigere, vergießt heute online Krokodilstränen über das Unrecht, das man dem 17jährigen zugefügt hat - über die Rolle des eigenen Blatts natürlich kein Wort.

Ach, und damit nicht immer nur von BILD die Rede ist:

Auch die FAZ online schrieb am 28.03: "(....) er hat NOCH nicht gestanden."

MartininBroda hat gesagt…

Der Kommentar des Herrn Alex gefiel mir, gebe ich zu. Daß von einem moralischen Niveau unserer Medien zu sprechen, ein Treppenwitz wäre, ist offensichtlich, aber auch wohlfeil. Sie bilden einfach nur das ab, was ansonsten vorherrscht, nicht schön sicherlich, aber man sollte sich wohl einen gewissen Realismus erkämpfen, täglich.

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Martin,

ich bin mir nicht sicher, ob die Wirkungsweise von Medien sich darin erschöpft, abzubilden, was sowieso schon vorherrscht.

Unser Verhältnis zur Welt hängt ja davon ab, wie wir diese Welt sehen und deuten; oder, wie es ein amerikanischer Soziologe ausgedrückt hat:

"If men define situations as real, they are real in their consequences."

Nun nehmen wir aber nur einen sehr kleinen Teil der Welt selbst wahr; ein großer Teil der Welt kommt durch Medien vermittelt zu uns.

Und weil dies so ist, scheint es mir wichtig, über die "Welterzeugungsmechanismen" von Medien nachzudenken und uns ggf. auch dagegen zu wehren, wenn diese ein Haus der Lüge errichten.

Viele Grüße
Morgenländer

Lunario hat gesagt…

Da ich selbst bis vor einem halben Jahr in Emden wohnte, macht mich das, was dieser Tage in der Stadt geschieht, persönlich betroffen.

Ich frage mich, wie viel dünner die sowieso schon dünne Schicht der Moral noch werden kann, bevor sie sich auch im Alltag ganz aufgelöst hat. In den "sozialen Netzwerken" ist dies ja bereits der Fall ... Die Massenmedien tragen da zweifellos ihren Teil zu bei. Und darum müssen die obengenannten "Schranken" (die man auch Zivilisiertheit nennen könnte), von den Medien und jedem von uns gestärkt werden.

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Lunario,

trotz des traurigen Anlasses: wie schön, mal wieder von dir zu hören!

"Ich frage mich, wie viel dünner die sowieso schon dünne Schicht der Moral noch werden kann, bevor sie sich auch im Alltag ganz aufgelöst hat."

Das ist wirklich die Frage. Stammtischgeschwätz hat es natürlich immer gegeben, aber diese 'virtuellen Stammtische' haben ja eine ganz andere Reichweite: WELT online etwa ließ den Mob tagelang toben, ohne dass die Redaktion eingeschritten wäre - andererseits machen deutsche Gerichte Blogger für Kommentare auf ihren Blogs haftbar...

Herzliche Grüße
Morgenländer

MartininBroda hat gesagt…

Oje tatsächlich, ich hatte kommentiert. Ja, diese Medien konstruieren ein Haus der Lüge, weil es die Sache einfacher und interessanter (im materiellen Sinne) für sie macht (zumindest wäre das noch ein rationaler Erklärungsversuch), aber umgekehrt müßte man dann jede Minute die Kraft aufbringen, sich von der dargebotenen Realität kraft Verstandes und Gewissens zu emanzipieren, und ja, man müßte.

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Martin,

Neil Postman zitiert in seinem Buch "Amusing Ourselves to Death" einen amerikanischen Nachrichtenmacher mit den Worten:

"The idea is to keep everything brief, not to strain the attention of anyone but instead to provide constant stimulation through variety, novelty, action, and movement. You are required to pay attention to no concept, no character, and no problem for more than a few seconds at a time."

Und weiter: "The assumptions controlling a news show are that bite-sized is best, that complexity must be avoided, that nuances are dispensable, that qualifications impede the simple message, that visual stimulation is a substitute for thought, and that verbal precision is an anachronism."

Postman kommentiert dann:

"I should go so far as to say that embedded in the surrealistic frame of a television news show is a theory of anticommunication, featuring a type of discourse that abandons logic, reason, sequence and rules of contradiction. In aesthetics, I believe the name given to this theory is Dadaism; in philosophy, nihilism; in psychiatry, schizophrenia."

Das wurde 1985 geschrieben.