14. April 2012

Josef Joffe, Kriegsberichterstatter

Unter der Überschrift "Günters neue Freunde - Wer sich wie Grass mit der NPD ins Bett begibt, kommt darin um" hat die ZEIT gestern einen Kommentar von Josef Joffe veröffentlicht.

Darin heißt es:
"Abgesehen von ein paar Apologeten, einer anheimelnd kleinen Zahl, hat sich die redende und schreibende Zunft diesseits der Linken und der NPD gegen den Stichwortgeber gestellt – mit der richtigen Mischung aus Abscheu und Argumentation. Sie hat den Subtext des Ressentiments und der Dämonisierung Israels sehr wohl erkannt. Das ist die Frohbotschaft von Ostern 2012. Sie kündet von einem soliden liberal-demokratischen Konsens, und das Land darf siebzig Jahre danach stolz auf die Selbstverständigung sein. Auch Verführer mit Nobelpreis-Gütesiegel verfangen nicht.

Nicht so anheimelnd sind Tausende von hasserfüllten, menschenverachtenden Kommentaren im Internet, die sich in diesen Tagen unter den kritischen Texten zu Grass angesammelt haben. Deprimierend, was dort zu Israel und Juden aus der Psyche bricht, jedenfalls im befreienden Schutze der Anonymität. Hoffen wir, dass es eine nicht repräsentative, selbstselektierte Stichprobe ist. Sonst würde Grass dort unten die Schlacht gewinnen, wo er sie in der nachdenkenden Öffentlichkeit so schmählich verloren hat."
Als ich den Artikel des ZEIT-Herausgebers gestern las, gab es bereits zwölf Seiten Kommentare, und sie waren für Joffe kaum schmeichelhafter als die der 'liberal-demokratischen' Konsens-Journalisten über Günter Grass.

Statt eines Kommentars meinerseits nur ein Hinweis:

Es gab einmal ein Parlament, dessen Parteien sich zu einer 'Nationalen Front des demokratischen Deutschlands' zusammengeschlossen hatten, die sich wacker gegen die Orks da unten stemmten.

Eine dieser Parteien hatte sich den schönen Namen 'Liberaldemokratische Partei Deutschlands' gegeben.

Alles weitere steht in den Geschichtsbüchern.

Kommentare:

Chris hat gesagt…

Bei Joffes Leserschelte kommt einem doch gleich der olle Brecht in den Sinn:

Die Lösung

Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?

Morgenländer hat gesagt…

@Chris:

Ja, die Mentalität des Herrn Joffe scheint der des Arbeiterdichters Kuba nicht unähnlich: dieselbe Unfähigkeit, anderen zuzuhören, dasselbe Elitendenken und dieselbe Verachtung für die hoi polloi.

Anonym hat gesagt…

Da hier gerade von Geschichtsbüchern die Rede war und Bert Brecht zitiert wurde, - ich hätte noch ein schönes Brecht Zitat, auch wenn es nur im weitesten Sinne einen Bezug zum Thema aufweist. Das Zitat kommt aus dem Verhör des Lukullus und lautet: "Immer schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten. Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge. Aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge."
So, und jetzt ziehe ich mir den Band Brecht Gedichte aus dem Bücherregal. Obwohl Kommunist hat Brecht doch einige Sachen geschrieben die mich sehr ansprechen.

MfG Paul

Morgenländer hat gesagt…

"Obwohl Kommunist hat Brecht doch einige Sachen geschrieben die mich sehr ansprechen."

Ja, mich auch. Auch wenn er meist allzu didaktisch / propagandistisch war ("Die Maßnahme" etwa und "Die Mutter" sind ganz fürchterlich), hat er doch einige hervorragende Dramen geschrieben, so gibt es Szenen in "Furcht und Elend des Dritten Reiches" ("Rechtsfindung", "Die jüdische Frau", "Bergpredigt"), die einfach unvergesslich sind.

Viele Grüße
Morgenländer

MartininBroda hat gesagt…

Tapfer kommentiert, wie nicht anders zu erwarten.

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Martin,

eigentlich muss man das ja gar nicht kommentieren, spricht es doch für sich selbst...

Herzliche Grüße
Morgenländer

Brettenbacher hat gesagt…

Ob Herr Joffe in Gumbrechts hämischem Hoffen auf ein baldiges Ableben des G. Grass auch ein Beitrag zur "Frohbotschaft Ostern 2012" sieht ?
Es wird wohl so sein. Und es ist entsetzlich.
Wie sie Joffes Konsens-Gezeter in die Abbreviatur
einer gewesenen einschlägigen Partei zusammenziehen,
lieber Morgenländer, ist klasse !

Gruß aus dem Süden, wo ein grauer Himmel hanget

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Brettenbacher,

das Irrwitzige an Joffes Kommentar ist, dass es die "Tausenden von hasserfüllten, menschenverachtenden Kommentaren im Internet"
gar nicht gegeben hat:

Ob unter Namensnnennung oder pseudonym: die Leute, die sich in FAZ, SZ. FR und ZEIT zu Wort gemeldet haben, waren in ihrer übergroßen Mehrheit besonnene und nachdenkliche Leute, die nur keine Lust hatten, in das kollektive "Verbrennt ihn!"-Geschrei einzustimmen.

"Hass und Menschenverachtung" gab's gleichwohl - in den Beiträgen der Qualitätsjournalisten Gumbrecht, Broder und Joffe selbst.

Übrigens lese ich dieser Tage Jüngers "Waldgang", da finden sich bemerkenswerte Einsichten zum Funktionieren des Konsens-Staates.

Herzliche Grüße
Morgenländer

Brettenbacher hat gesagt…

>Übrigens lese ich gerade Jüngers 'Waldgang' ..<

Dann kommen Sie doch nächstes Jahr, über Palmsonntag,
nach Heiligkreuzthal zum Symposion des "Freundeskreis Gebrüder Jünger". Habe heuer zum ersten Mal teilgenommen.Es war schön.
Ein scharfer Kopf bei treuestem Sinn, wie er dem Morgenländer eigen, ist dort höchst willkommen. Der Brettenbacher zeigt Ihnen auch gerne den Weg über den
Schwarzen Wald ins Oberschwäbische, "wo die Menschen noch einigermaßen in Ordnung sind"(E.J.).

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Brettenbacher,

das ist eine Einladung, die ich gewiss nicht ausschlagen werde.

Es war übrigens ein Buch des jüngeren Jünger, "Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht", durch das der 18jährige Morgenländer die Bekanntschaft des Brüderpaars machte.

Dann folgten seine Elegie "Der Mohn" und das "Abenteuerliche Herz" des Älteren - beides Werke, die mich seitdem immer begleitet haben.

Herzliche Grüße
Morgenländer

Le Penseur hat gesagt…

Bin mit Ihrer Einschätzung bis auf eine Kleinigkeit völlig d'accord:

Die Mentalität unserer »Qualitätsjournalisten« mit einer Partei von (relativen) Ehrenmännern wie Külz, Dieckmann und Gerlach, die halt unter den Bedingungen einer kommunistischen Besatzungsmacht versuchten, noch was halbwegs erträgliches für ihre Anhänger herauszuhandeln, zu vergleichen, halte ich für etwas ungerecht. Ich würde mir wünsche, von unseren »Qualitätsjournalisten« nur einmal einen so selbstkritischen und abwägenden Artikel zu lesen wie z.B. Gerlachs Buch »Mitverantwortlich« ...

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Le Penseur,

ich erinnere mich, im Herbst vergangenen Jahres zwei bemerkenswerte Beiträge von Ihnen zu Gerlach gelesen und mir damals vorgenommen zu haben, mich mit ihm einmal intensiver zu beschäftigen.

Der Verweis auf die LDPD war nur als Spitze gemeint und als Hinweis darauf, dass gelegentlich in Wirklichkeit totalitär ist, was sich 'liberaldemokratischer Konsens' nennt.

Viele Grüße
Morgenländer