17. April 2012

In den letzten Tagen gelesen

Wladi9mir Solowjow, portraitiert von Iwan Kramskoi (1885)
"Christus, der das sittlich Gute predigte und in seinem Leben darstellte, war ein Besserer der Menschheit, ich aber bin berufen, der Wohltäter dieser teils gebesserten, teils aber unverbesserlichen Menschheit zu sein.

Ich werde allen Menschen alles geben, was sie brauchen.

Als Moralist trennte Christus die Menschen durch die Unterscheidung von Gut und Böse, ich werde sie vereinigen durch die Güter, deren Gute und Böse in gleicher Weise bedürfen.

Ich werde der wirkliche Vertreter des Gottes sein, der seine Sonne aufgehen läßt über die Guten und über die Bösen und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte.

Christus brachte das Schwert, ich bringe den Frieden.

Er drohte der Erde mit dem schrecklichen Jüngsten Gericht. Aber der letzte Richter werde ja ich sein, und mein Gericht wird nicht ein Gericht der bloßen Gerechtigkeit, sondern ein Gericht der Gnade sein.

Auch Gerechtigkeit wird in meinem Gericht sein, aber keine vergeltende Gerechtigkeit, sondern eine verteilende Gerechtigkeit.

Ich unterscheide sie alle und gebe jedem das, was er braucht."
Die Erzählung, der dieses Zitat entnommen ist, ist eine der großen Utopien des 20. Jahrhunderts. Geschrieben hat sie der russische Religionsphilosoph und Schriftsteller Wladimir Solowjow (1853 - 1900).

Er erzählt in ihr vom Auftreten eines bemerkenswert begabten Mannes, der in seinem 33. Lebensjahr antritt, der Menschheit Frieden und Wohlstand zu bringen.

Solowjow skizziert zunächst eine kurze Geschichte des 20. Jahrhunderts, in dem es dem unter dem Banner des Panmongolismus geeinten Osten gelungen war, Europa zu besetzen, aber nicht endgültig zu unterjochen:

Fünfzig Jahre nach der Invasion gelingt es den Europäern, den Statthalter der Mongolen zu vertreiben; in der Euphorie des gemeinsamen Sieges werden die 'Vereinigten Staaten von Europa' gegründet.

Äußerlich prosperierend, leidet der Kontinent gleichwohl unter der Zerstörung seiner traditionellen Institutionen und unter einer geistigen Auszehrung, die man mit den Stichworten 'Materialismus' und 'Nihilismus' umschreiben kann.

In dieser Situation tritt der Mann auf, dessen Bekenntnis ich oben zitiert habe, ein Menschenfreund, Bibelkenner (die Universität Tübingen verleiht ihm den Ehrendoktor der Theologie) und Asket, der sich berufen sieht, die Menschheit zu einen und das Werk Christi, den er als seinen Vorläufer betrachtet, zu vollenden; Solowjow nennt ihn auch den 'Übermenschen'.

Seine Programmschrift "Der offene Weg zu Frieden und Wohlfahrt" erobert die Menschheit im Sturm.

Mehr möchte ich nicht vorwegnehmen.

Ach, ich habe vergessen, den Titel der Erzählung zu nennen. Sie heißt "Kurze Erzählung vom Antichrist".

Luca Signorelli, Der Antichrist und der Teufel, 1501

Kommentare:

OneBBO hat gesagt…

Es fällt mir immer wieder auf, wie aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse russische Literatur, aber auch russische andere Erkenntnisse hier in Westeuropa viel zu kurz kommen. Bei der Lektüre von G. Schatalowas "Wir fressen uns zu Tode" (passt thematisch hier nicht, ist schon klar) ist mir das mehrmals aufgefallen, dass es einen wahnsinnig breiten Fundus an Wissen, Erkenntnissen und somit auch Literatur in russischer Sprache gibt, an dem wir völlig vorbeileben.

Morgenländer hat gesagt…

Ja, das ist leider so.

Sicher, viele russische Autoren sind übersetzt, aber meist bleiben die Übersetzungen doch blass, verglichen mit dem Original, und dann fragt sich der Leser: "Dass soll's jetzt gewesen sein?"

Auf Solowjow bin ich übrigens durch Benedikt XVI aufmerksam geworden, der sich in seinem Jesus-Buch mehrfach auf die 'Kurze Erzählung' bezieht.

OneBBO hat gesagt…

Öhm, das wäre mir natürlich niemals passiert ;-)

Morgenländer hat gesagt…

Ohne missionieren zu wollen: Du lässt dir da wirklich etwas entgehen.

Templarii hat gesagt…

Ganz Osteuropa hat eine Fülle von Wissen und Erfahrung - die vor allem den Deutschen fehlt, die ihre Kultur nicht völlig im Westen erbaut hat.

Vieles aus dem Osten ist für die Deutschen besser zu verstehen als für Franzosen oder Engländer, das ist im Moment noch völlig verloren.

Auch in der Ukraine ist sehr viele vorhanden was Tiefsinnig und Weitsichtig ist, oder Polen oder Tschechien und und und..

Der Kalte Krieg setzt sich da noch fort, da ist noch etwas nicht zusammengewachsen was zusammen gehört..

Templarii

ichwesen hat gesagt…

Eine beeindruckende und beängstigende Erzählung zugleich. Solowjew gelingt es auf vortreffliche Weise, die Faszination, die dieser "Vollender" auf die Menschen macht, zum Ausdruck zu bringen, daher ist es nicht verwunderlich, dass "auch andere Autoren wie z.B. Michael D.OBrian mit seinem "Father Elijah - Eine Apokalypse" davon beeinflusst waren. Zumindestens vermute ich das. Wenn man sich die Verführungen durch Ideologien im 20. Jahrhundert betrachtet, erweist sich Solowjew als vorausschauend, auch wenn weder Hitler noch Stalin der Antichrist waren und die Geschichte einen erstaunlich langen Atem hat, und selbst nach den Katastrophen des letzten Jahrhunderts das Leben weitergeht.

Morgenländer hat gesagt…

Mein eigener Nachholbedarf ist hier immens, da ich leider nur kenne, was 'man' halt kennt; für Anregungen bin ich deshalb immer dankbar!

Morgenländer hat gesagt…

Ja, es ist ein faszinierendes Buch.

Natürlich ist Solowjow kein Prophet im eigentlichen Sinne, aber er hatte offenbar - wie auch Dostojewski - ein hoch entwickeltes Sensorium für das drohende Unheil.

Doch spricht aus der kleinen Erzählung vor allem auch die unerschütterliche Hoffnung auf den Herrn der Geschichte:

"Glanz hat dieses verfälschte Gute übergenug, aber wirkliche Kraft keine", sagt der Erzähler zum Ende hin.