20. April 2012

"Freiheit, die ich meine" - ein Blick zurück, doch nicht im Zorn

Thomas Moore (28 May 1779 – 25 February 1852)

The harp that once through Tara's halls
The soul of music shed,
Now hangs as mute on Tara's walls,
As if that soul were fled. --

So sleeps the pride of former days,
So glory's thrill is o'er,
And hearts, that once beat high for praise,
Now feel that pulse no more.

No more to chiefs and ladies bright
The harp of Tara swells;
The chord alone, that breaks at night,
Its tale of ruin tells.

Thus Freedom now so seldom wakes,
The only throb she gives,
Is when some heart indignant breaks,
To show that still she lives. 

Thomas Moore, den hierzulande wohl kaum noch jemand kennt, war für Irland, was Ludwig Uhland und Max von Schenkendorff für Deutschland waren: Nationaldichter, die das Volk in Erinnerung an bessere Zeiten zu den Fahnen riefen.

'Freiheit', dieser in vielen Farben schillernde Begriff, meinte damals nicht das Recht des Einzelnen, zu tun, wie ihm gut dünkt, sondern die Selbstbestimmung des Volkes:

Galt der Ruf der deutschen Romantiker der Befreiung von der napoleonischen Herrschaft, so wurde Moore zur Stimme der irischen Unabhängigkeit von britischer Besatzung.

Nun ist Nationalismus, wie die europäischen Völkern zu ihrem Leidwesen bald erfahren mussten, ein durch und durch inhaltsleeres Programm gleich in doppelter Hinsicht, solange nicht geklärt ist, wer oder was denn das 'Volk' ist, das sein eigenes Geschick lenken will, und solange niemand zu sagen weiß, welche Inhalte das Volk gegen die Unterdrücker verteidigen will.

Die Antwort auf letztere Frage suchten die Romantiker in völkischem Recht und völkischer Sitte. Freilich entdeckte man dann schnell, dass das zu Bewahrende gar nicht mehr da war, sondern durch fremdes Recht und fremde Sitte (im Fall der Iren sogar eine fremde Sprache - die "Irish Melodies" Moores waren in englischer Sprache verfasst) verdeckt und 'überfremdet' war.

Es war deshalb nur folgerichtig, dass man sich der Vergangenheit zuwandte: Werde, was du (gewesen) bist, hieß die Losung.

In Irland waren es ein seltsames Gemisch aus keltischen Mythen (zu den um Tara rankenden Sagen hier) und katholischem Glauben, in Deutschland ein verklärtes Mittelalter und das germanische in Abgrenzung vom römischen Recht, denen man sich zuwandte.

Und das Volk, dessen angestammte Lebensweise es zu verteidigen und zu restaurieren galt, waren damals, was auch heute noch manchmal mitschwingt, die kleinen Leute - die Bauern, Handwerker, Kleinbürger in Stadt und Land - die 'Großen' jedenfalls gehörten keinesfalls dazu; noch ein Goethe hätte es sich dankend verbeten, zum Volk (populus, Pöbel) gezählt zu werden.

Auf all dies ist, vor allem in Deutschland, ein tiefer Schatten gefallen.

Man tut deshalb gut daran, sich zu erinnern, dass die Romantiker der ersten Stunde oft - und dies gilt ganz sicher für Ludwig Uhland und Thomas Moore - Liberale waren:

Noch ist kein Fürst so hochgefürstet,

So auserwählt kein ird'scher Mann,
Daß, wenn die Welt nach Freiheit dürstet,
Er sie mit Freiheit tränken kann,
Daß er allein in seinen Händen
Den Reichtum alles Rechtes hält,
Um an die Völker auszuspenden
So viel, so wenig ihm gefällt.

Die Gnade fließet aus vom Throne,
Das Recht ist ein gemeines Gut,
Es liegt in jedem Erdensohne,
Es quillt in uns wie Herzensblut;
Und wann sich Männer frei erheben
Und treulich schlagen Hand in Hand,
Dann tritt das innre Recht ins Leben
Und der Vertrag gibt ihm Bestand.
(Uhland, Nachruf)

Im 19. Jahrhundert schlug diese freiheitliche Bewegung dann in ihr Gegenteil um.

In Deutschland entdeckte man, dass nicht nur die 'Fürsten', sondern vor allem auch die Juden nicht zum 'Volk' gehörten - und dann machte man sich auf die Suche nach einem artgemäßen deutschen Christentum oder schuf sich eine pseudogermanische 'Religion' aus der Retorte; in Irland wurde erst der Katholizismus, seinem Wesen widersprechend, zur Nationalreligion verkehrt und dann durch a- und antireligiöse Ideologien ersetzt.

Und die freiheitlichen Lieder, die sie sangen, wurden 1914 und danach zum Grabgesang einer ganzen europäischen Zivilisation.

Aber waren es nicht schöne Lieder?

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