10. April 2012

Ein Volk von (G)rassisten?

Hitlers Nachlassverwalter?
"An alle Wahrheitsliebenden und Rechtmeinenden:

Die Essenz des Gedichtes von Grass: Die Juden sind die größte Gefahr für den Weltfrieden.

Die Essenz von Hitlers „Mein Kampf“: Die jüdische Gefahr kann nur durch die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes gebrochen werden. Seite 337

Hitler benötigte ein ganzes Buch um vor den Juden zu warnen, Grass nur ein Gedicht."
schrieb ein empörter Leser gestern in der FAZ und echot damit den "Welt"-Kolumnisten Henryk M. Broder, der einige Tage zuvor behauptet hat:
„Damals war er ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer.“*
Ebenfalls in der "Welt" hofft der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht auf das baldige Ableben des Literaten, bedauert aber, dass dessen Mentalität unter jüngeren Deutschen immer noch weiterlebe:
"Aber während der Wunsch, neue Texte von Günter Grass nicht mehr lesen zu müssen, möglicherweise bald schon, noch zu meinen Lebzeiten hoffentlich, in Erfüllung gehen wird, während wir ihm nicht den Gefallen tun sollten, weiter Meinungen zu diskutieren, die nicht diskutierenswert sind, zeichnet sich ein Verschwinden ähnlicher Mentalitäten bei jüngeren Deutschen keinesfalls ab."
Auch anderswo wird besorgt festgestellt, dass die Deutschen ein Volk von (G)rassisten sei: bei den nicht-repräsentativen Online-Umfragen seien etwa 80 Prozent der Meinung, Grass habe Recht, liest man.

Mich wundert das nicht.

Statt sachlich und unaufgeregt die Irrtümer und Fehleinschätzungen des Lübeckers zu kritisieren, wie dies etwa der frühere israelische Botschafter Avi Primor getan hat, wurde Grass medial auf die Couch gelegt und nach einer Tiefenanalyse seines Textes als "ewiger Antisemit" gebrandmarkt.

Grass galt jahrzehntelang als typischer Repräsentant eines 'besseren Deutschlands', das aus der Vergangenheit gelernt hat - ein wachsamer und unbestechlicher citoyen, ein Bilderbuchdemokrat.

Und jetzt, wo er sich einmal politisch missliebig äußert, soll er plötzlich der Prototyp des unbelehrbaren Altnazi sein?

Dies ist so offensichtlich unfair und maßlos, dass eine Solidarisierung mit dem 84jährigen zu erwarten war. Mit antijüdischen Ressentiments hat das aber doch wohl wenig zu tun.

Eher mit der Verärgerung darüber, dass hier die Erinnerung an die Zeit schrecklichster deutscher Verbrechen allzu durchsichtig für die Durchsetzung einer aktuellen politischen Agenda missbraucht wird.

Und dann muss man auch sehen, dass die (G)rassisten ebenso wie ihre Gegner meinen, unter einem aus der Geschichte ableitbaren eindeutigen moralischen Imperativ zu stehen: Viele Deutschen - und eben auch Günter Grass - hatten in der Nachkriegszeit aus den Verbrechen des Nationalsozialismus die Lehre gezogen, dass alles Militärische verdächtig und Kriege schlechthin verwerflich sind.

Auf den Schwur "Nie wieder Auschwitz" folgte meist der Satz "Nie wieder Krieg".

Solange es ein Gleichgewicht des Schreckens gab, wurde dieser deutsche Pazifismus im Schatten der Großmächte nie ernsthaft auf die Probe gestellt.

Als mit dem Kollabs des Ostblocks diese - übrigens nur aus westeuropäischer Sicht idyllischen - Zeiten zu Ende gingen, bedurfte es der Demagogie eines Joseph Fischer, um die deutsche Bevölkerung auf die Teilnahme am Kosovo-Krieg einzustimmen.

Damals hieß es, die Deutschen seien wegen ihrer Vergangenheit zur Kriegsbeteiligung verpflichtet: "Wir müssen ein neues Auschwitz verhindern!".

Seitdem gab es viele Kriege. Und viele Lügen.

Militär- und Außenpolitik verträgt sich schlecht mit der Transparenz, die in Demokratien gefordert scheint. In ihr wird geblufft und getäuscht. Scheinbare Freunde sind tatsächlich Rivalen; und wer in einem Konflikt mit 'uns' verbündet ist (und von uns aufgerüstet wird), kann schon morgen ein Gegner sein.

Da Kriege heutzutage ohne Billigung der Wahlbevölkerung nicht geführt werden können, aber nicht alles auf offenem Marktplatz diskutiert werden kann, kommt die Propagandamaschine nie zum Erliegen.

Und mit jeder enthüllten Propagandalüge (die auch die Form der Übertreibung haben kann, hierzulande etwa der, Diktator X oder Despot Y sei der 'neue Hitler'), wächst das Misstrauen in die offiziellen Verlautbarungen der Politik.

In solchen Zeiten haben es die immer präsenten Verschwörungstheoretiker und die Produzenten schlichter Wahrheiten à la Grass leicht.

Und es ist zu fürchten, dass sie in Zukunft noch mehr Zulauf bekommen werden, wenn die Medienwelt ihre Aufgabe weiterhin darin sieht, ihre Leser moralisch aufzurüsten, statt ihnen die Beschäftigung mit einer komplexen und nie ganz ausrechenbaren Wirklichkeit zu ermöglichen und zuzumuten.

* Der seine journalistische Karriere bekanntlich bei der linken Pornopostille "St. Pauli Nachrichten" begonnen hat. Damals hatte der Mann fast noch Anstand.

Kommentare:

OneBBO hat gesagt…

"Da Kriege heutzutage ohne Billigung der Wahlbevölkerung nicht geführt werden können"

Ich kann mich an keine Volksbefragung in Sachen Afghanistan erinnern. Habe ich da was übersehen?

Morgenländer hat gesagt…

Liebe OneBBO,

das ist wohl wahr. Aber die Parteien, die für den Afghanistan-Einsatz gestimmt haben, wurden danach mit großer Mehrheit wiedergewählt.

Ich weiß übrigens nicht, ob Volksabstimmungen bei solchen Themen ein sinnvolles Instrument sind, einfach, weil uns (also der Wahlbevölkerung) noch weniger als in anderen Politikbereichen die für eine Entscheidung relevanten Informationen zur Verfügung stehen.

Nimm etwa die Diskussion um einen möglichen Präventivschlag Israels gegen die iranischen Atomanlagen - ich sehe mich da eigentlich nicht imstande zu beurteilen, ob die Bedrohung durch den Iran so einen Schritt rechtfertigen würde.

Viele Grüße
Morgenländer

OneBBO hat gesagt…

Mag sein, dass ich das kaum beurteilen kann. Die politische Kaste lässt sich aber doch - wie wir am Irak-Krieg gesehen haben - ebenfalls an der Nase herumführen und mit Falschinfos füttern, weiß also auch nicht mehr als ich. Tut nur so.

Ich finde, dass wir uns von eben genannter politischer Kaste nicht einreden lassen sollten, dass wir als Wähler von so vielen Dinge keine Ahnung haben. Der gesunde Menschenverstand geht ja leider mit dem politischen Aufstieg scheins verloren.

Wie viele Dinge sind Schwachwinn, die dir jeder hätte gleich sagen können, der mal nachdenkt? Ich sage hier nur: Umstellung auf die Sommerzeit, um mal ein harmloses Beispiel zu nehmen.

Da Wahlen nicht nur um ein einziges Thema kreisen, kannst du auch nicht sagen: Diese Parteien wurden wieder gewählt, daher haben wir für den Krieg gestimmt. Wählen ist abwägen. Wir dürfen ja leider nicht themenbezogen unsere Stimme abgeben.

Chris hat gesagt…

Grass wird so massiv angegriffen, weil alle fürchten, dass irgendwann das eigentliche Problem zur Sprache kommen könnte - die illegale Landnahme bei der Gründung Israels:

'I don't understand your optimism,' Ben-Gurion declared. 'Why should the Arabs make peace? If I were an Arab leader I would never make terms with Israel. That is natural: we have taken their country. Sure, God promised it to us, but what does that matter to them? Our God is not theirs. We come from Israel, it's true, but two thousand years ago, and what is that to them? There has been antisemitism, the Nazis, Hitler, Auschwitz, but was that their fault? They only see one thing: we have come here and stolen their country. Why should they accept that? They may perhaps forget in one or two generations' time, but for the moment there is no chance. So, it's simple: we have to stay strong and maintain a powerful army. Our whole policy is there. Otherwise the Arabs will wipe us out.

I'll be seventy years old soon. Well, Nahum, if you asked me whether I shall die and be buried in a Jewish State I would tell you Yes; in ten years, fifteen years, I believe there will still be a Jewish State. But ask me whether my son Amos, who will be fifty at the end of this year, has a chance of dying and being buried in a Jewish State, and I would answer: fifty-fifty.'

'But how can you sleep with that prospect in mind and be Prime Minister of Israel too?' I responded.

'Who says I sleep?' was Ben-Gurion's simple reply,"

schreibt der langjährige Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann, in seinen Erinnerungen über ein Gespräch mit David Ben-Gurion ("The Jewish Paradox : A Personal Memoir", 1978).

Morgenländer hat gesagt…

@OnebbO:

"Die politische Kaste lässt sich aber doch - wie wir am Irak-Krieg gesehen haben - ebenfalls an der Nase herumführen und mit Falschinfos füttern (...)"

Du meinst die Massenvernichtungswaffen, die der Irak angeblich produziert hatte und die als Anlass (Vorwand?) für den Irakkrieg genommen wurden?

Ja, das stimmt. Ich plädiere auch nicht für blindes Vertrauen in "die da oben", sondern für möglichst viel Transparenz und Kontrolle durch eine freie Presse, die nicht - wie hierzulande leider üblich geworden - ständig durchsichtige politische Kampagnen fährt und jedes Thema mit einer Moralsoße übergießt.

Dennoch blieben auch bei mehr Transparenz immer Aspekte, über die die Öffentlichkeit mit gutem Grund nicht voll informiert wird - Doplomatie auf offenem Marktplatz beispielsweise kann ich mir nicht recht vorstellen.

"Wir dürfen ja leider nicht themenbezogen unsere Stimme abgeben."

Stimmt. Aber wir können entscheiden, wie wichtig uns einzelne Themen und Politikfelder sind.

Morgenländer hat gesagt…

@Chris:

"Das eigentliche Problem" ist wohl eher, dass Iran und die Anrainerstaaten israels sich weigern, dessen Existenzrecht anzuerkennen.

Das von Ihnen zitierte Buch Goldmanns kenne ich nicht; sehr wohl aber den Beschluss der UN-Generalversammlung von November 1947, in dessen Folge der israelische staat gegründet wurde, worauf mehrere arabische Staaten Israel den Krieg erklärten.

Aber das alles ist Geschichte, und Politik hat es mit der Gegenwart zu tun.

Und die ist bestimmt von iranischen Drohungen gegen Israel. Im übrigen unterstützt der Iran schon jetzt die Terroristen der Hisbollah und der Hamas.

AnnetteWeber hat gesagt…

Wie immer genau geguckt und auf den Punkt gebracht. Danke dafür!
Annette

mialieh hat gesagt…

Das habe ich in diesem Zusammenhang sehr gut gefunden...

http://www.sueddeutsche.de/kultur/micha-brumlik-zum-guenter-grass-grass-ist-kein-antisemit-bedient-sich-aber-antisemitischer-deutungsmuster-1.1328656

Morgenländer hat gesagt…

Liebe Annette,

von Tag zu Tag frage ich mich immer mehr, wo dieser Zerstörungswille eigentlich herrührt, den man in der deutschen Presse immer häufiger beobachtet.

Denkt eigentlich niemand in der schreibenden Zunft darüber nach, wie er sich selbst fühlen würde, wenn über ihn wegen eines Fehlurteils oder eines moralischen Aussetzers so der Stab gebrochen würde wie jetzt über Günter Grass?

Herzliche Grüße
Morgenländer

Morgenländer hat gesagt…

Liebe mialeh,

dieses Interview kannte ich noch nicht; danke für den Hinweis.

Brumliks Analyse kann ich allerdings über weite Strecken nicht zustimmen.

Das beginnt schon mit folgender Äußerung:

"Zu den wenigen harten Kriterien für antisemitische Äußerungen zählt die Dämonisierung von jüdischen Personen oder Institutionen."

Man kann Grass vorwerfen, dass er die Situation im Nahen Osten und die reale Bedrohung Israels verkennt, aber dass er jüdische Personen (wen?) oder Institutionen dämonisieren würde, sehe ich wirklich nicht.

Grass' Text endet mit einem (wie ich finde) naiven Appell an beide Konfliktparteien:

"(...) dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird."

Spricht so jemand, der Israel dämonisiert?

Viele Grüße
Morgenländer

AnnetteWeber hat gesagt…

Es ist einfach die Lust an der Macht und das Gefühl: Wenn wir alle zusammen halten, erreichen wir das, was wir uns vorgenommen haben.
Grass ist das glaube ich egal - er weiß das sicherlich und jongliert damit. Er hält auch Kritik anders aus und lebt ja auch davon. Bei Wulff war das schon etwas anderes.
Gruß Annette

MartininBroda hat gesagt…

Hm, ich weiß auch nicht, warum mir bei der Masse der Presseberichte das Wort "Gleichschaltung" in den Sinn kam, leicht behübscht vielleicht. Dabei hatte ich sein "Gedicht" zuerst nicht so beachtet, wenn auch durch Zufall früh gelesen. Ich mag den politischen Grass nicht so; also könnte man jetzt sagen - "Die Revolution frißt ihre Kinder, juhu, weitermachen!"

Ich wurde erst durch die Reaktionen aufmerksamer, den schrillen Ton, das Denunziatorische, die platten Lügen, den Appell an die Feigheit, den Eindruck, da verteidigt ein Milieu den Zustand, sich in der Unwahrheit eingerichtet zu haben. Deswegen tut mir Herr Grass nicht unbedingt leid, zumal mich die Attitüde stört, mit der Wahres und völlig Falsches als ein derart umständlich verrührter Brei präsentiert wird. Aber vielleicht schlug tatsächlich sein Gewissen, und es versagte ihm bloß die Sprache, ich weiß nicht.

Morgenländer hat gesagt…

@Annette:

"Grass ist das glaube ich egal" - das denke ich auch.

Für Jüngere und weniger Prominente könnte eine ähnliche mediale Kampagne allerdings ganz andere Folgen haben, und ich frage mich, ob die Sorge, ihnen könne es ähnlich ergehen, wenn sie auch nur einen Millimeter weit vom gerade politisch Korrekten abweichen, auf die politische Kultur hierzulande nicht verheerend wirken wird.

Viele Grüße
Morgenländer

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Martin,

seltsam, das Büchner-Zitat kam mir auch in den Sinn, als ich die ersten Reaktionen auf den Grass-Text las.

"Aber vielleicht schlug tatsächlich sein Gewissen, und es versagte ihm bloß die Sprache, ich weiß nicht."

Auf mich macht der Text den Eindruck, dass Grass drei völlig verschiedene Dinge gleichzeitig zum Ausdruck bringen wollte:

Seine Kritik an den deutschen Rüstungsexporten in ein Land, dessen Außen- und Militärpolitik er vehement ablehnt; seinen Pazifismus, den er als unumstößliche Konsequenz der deutschen Geschichte auch den Israelis aufdrängt; und schließlich seine Bedenken (oder Furcht?),zu diesem Thema überhaupt das Wort zu ergreifen.

Jedenfalls ist ihm das Ganze fürchterlich missglückt, und für mich hat Grass ex negativo unter Beweis gestellt, dass kenntnisloses Moralisieren kaum weniger schlimm ist als amoralische Schlauheit.

Viele Grüße
Morgenländer

MartininBroda hat gesagt…

Muß dann wohl versehentlich reingerutscht sein, für mich war das eher eine Mischung aus moralisierender Eitelkeit und tatsächlicher (hilfloser) Sorge. Aber das Thema bleibt ja wohl noch etwas erhalten.

Grüße zurück
Martin

Morgenländer hat gesagt…

@Martin:

Seine 'moralisierende Eitelkeit' ist es wohl, weshalb mir Grass bisher nicht sonderlich gelegen hat; aber die Sorge nehme ich ihm schon ab, auch wenn sein Text wohl eher wenig dazu beigetragen hat, die Situation zu erhellen.

"Aber das Thema bleibt ja wohl noch etwas erhalten."

Ja, wobei man sich wünschen würde, dass die weitere Diskussion kenntnisreicher und offener geführt wird.

Viele Grüße
Morgenländer