5. April 2012

Ein Gedicht Friedrich Spees zur Nacht im Garten Getsemani

Andrea Mantegna, Im Garten Gethsemane (um 1460)

Trauergesang von der Not Christi am Ölberg in dem Garten
Bei stiller Nacht zur ersten Wacht
Ein Stimm begund zu klagen;
Ich nahm in acht, was die doch sagt;
Tat hin mitt Augen schlagen.

Ein junges Blut, von Sitten gut,
Alleinig, ohn Gefahrten,
In großer Not, fast halber tot,
Im Garten lag auf Erden.

Es war der liebe Gottessohn,
Sein Haupt hat er in Armen,
Viel weiß und bleicher als der Mon,
Ein Stein es möcht erbarmen.

„Ach, Vater, liebster Vater mein,
Und muß den Kelch ich trinken?
Und mags dann ja nit anders sein?
Mein Seel nit laß versinken!“

„Ach, liebes Kind, trink aus geschwind,
Dirs laß in Treuen sagen:
Sei wohl gesinnt, bald überwind,
Den Handel mußt du wagen.“

„Ach, Vater mein, und kanns nit sein,
Und muß ichs je dann wagen,
Will trinken rein den Kelch allein,
Kann dirs ja nit versagen.

Doch Sinn und Mut erschrecken tut,
Soll ich mein Leben lassen.
O bitter Tod! mein Angst und Not
Ist über alle Maßen.

Maria zart, jungfräulich Art,
Sollst du mein Schmerzen wissen,
Mein Leiden hart zu dieser Fahrt,
Dein Herz wär schon gerissen.

Ach, Mutter mein, bin ja kein Stein,
Das Herz mir durft zerspringen;
Sehr große Pein muß nehmen ein,
Mit Tod und Marter ringen.

Ade, ade, zu guter Nacht,
Maria, Mutter milde!
Ist niemand, der denn mit mir wacht
In dieser Wüsten wilde?

Der schöne Mon will untergohn,
Vor Leid nit mehr mag scheinen;
Die Sternen lan ihr Glitzen stahn,
Mit mir sie wollen weinen.

Kein Vogelsang noch Freudenklang
Man höret in den Lüften,
Die wilden Tier traurn auch mit mir
In Steinen und in Klüften.“

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