30. April 2012

Die eine Rose (Konrad Weiß)

für Veit Roßkopf
Während wir uns schlugen auf den Wegen,
Wort um Worte rührten, 
was die Worte wollten, tiefer spürten,
während wir dem Sinn entgegen
uns durch wache Wildnis trugen,
um ein schlafend Bild umsonst doch Worte
wacher schickend nur sein Schlafen schürten,
und von Ort zu Orte
horchten und die Zungen in uns schlugen,
fiel auf eine Rose vieler Regen.

Der ursprüngliche Titel des Gedichts lautete: "Sinnbild der Geschichte". Es ist 1939 in dem letzten von Konrad Weiss (1880 - 1940) selbst veröffentlichten Band "Das Sinnreich der Erde" erschienen.

Sinnreich der Erde
, was könnte dies heißen?

Sinn ist doch, meinen wir, etwas, was wir Menschen unserem Tun und Trachten beilegen, und die 'Erde' also das, was vor dem Erscheinen des Menschen keinen Sinn kennt.

Die Moderne deutet sich so, dass sie den Menschen zu dieser Einsicht gebracht habe; man kennt das Webersche Stichwort von der 'Entgötterung der Welt' durch Wissenschaft und Technik.

Weiss nun tut einen Schritt zurück und liest die Welt wieder als Zeichen. Vor jeder Scheidung von natürlicher (a-logischer) und menschlicher (sinnhafter) Welt liegt ihre Einheit als Schöpfung, Gotteswort. Und das Wort des Menschen ist Antwort auf dieses immer schon gesprochene Wort.

Das aber liegt nicht offen zu Tage. Seit Adams Zeiten gibt es keine einfache Entsprechung zwischen Gottes Wort und Menschenwort, das Bild Gottes im Menschen ist verdunkelt, und wir streiten um den Weg zurück in das Paradies, aus dem wir uns ausgeschlossen haben.

Der Christ aber weiß, dass es keine Selbsterlösung im Reich der Geschichte geben wird, dass wir uns unrettbar in der Wildnis verirren würden, wäre uns Gott auf diesem Weg nicht immer schon entgegenkommen, überraschend und wunderbar, wie es Maria (die Immaculata wurde von alters her als 'Rose' angesprochen) erfuhr.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sehr schönes Gedicht. War mir bislang unbekannt (leider ist von Konrad Weiß ja fast nix lieferbar). Kennen und mögen Sie auch Eines Morgens Schnee?

ChB

Morgenländer hat gesagt…

"Kennen und mögen Sie auch Eines Morgens Schnee?"

Ja, sehr. Ich habe es übrigens anlässlich seines Todestages am 30.10.11 in den Blog eingestellt.

Herzliche Grüße und einen frohen ersten Mai
Morgenländer

Anonym hat gesagt…

Ah ja. War das erste Gedicht, das ich von Weiß gelesen habe - hat mich gleich für ihn eingenommen. Verstehe nicht, warum nicht ein katholischer Verlag mal eine Werkausgabe rausbringt.

Ihnen auch einen schönen 1. Mai (und bis jetzt gehabt zu haben)!

Chb

Morgenländer hat gesagt…

Zwei kleine Verlage haben ja Auswahlausgaben herausgebracht, aber trotz solcher Bemühungen gibt es für Weiss wohl einfach keinen 'Markt'.

Vielleicht sollte sich jemand die Mühe machen, das Werk zu digitalisieren und dann online zu stellen, gemeinfrei ist es ja - das wäre mal ein Blogoszesenprojekt!

Auch Ihnen, lieber ChB, noch einen schönen Abend.

Morgenländer

Anonym hat gesagt…

Habe mal nachgesehen, ein Lesebuch ist noch lieferbar, das ich gar nicht kannte.

Klar, Konrad Weiß ist sperrig und singulär. Sein Werk ist, meine ich, aber auch beispielhaft für eine katholische Ästhetik in (Auseinandersetzung mit) der Moderne - einerseits sehr tief in der katholischen Tradition verwurzelt, andererseits ein kühner mystischer Wurf.

Deshalb hielte ich die Auseinandersetzung mit seinem Werk für sehr lohnend. Eine Gesamtausgabe müsste wohl über Querfinanzierung laufen, wie Verlage das nennen. Für zwei Küng-Bestseller eine Weiß-Gesamtausgabe. Das hätte doch was. Die Kirche könnte ja auch noch Fördergelder hinzuschießen. (Digitalisierung hätte natürlich auch was, wobei ich das Medium Buch noch bevorzuge, zumindest bei solchen Dingen.)

Hoffe, Sie hatten auch einen so schönen Tag wie ich.

Herzlich
ChB

Morgenländer hat gesagt…

Lieber ChB,

ich sehe das ganz wie Sie; es ist traurig und auch ein wenig beschämend, wenn das Werk eines solchen Mannes verloren geht. Immerhin hat die Fürsprache von Botho Strauss bewirkt, dass es wenigstens Lesebücher gibt; andere Autoren sind ganz verschollen (etwa Elisabeth Langgässer).

Ich werde mir die Sache mal durch den Kopf gehen lassen; vielleicht kann man ja einen Blogoszesen-Aufruf auf den Weg bringen; freilich fürchte ich, dass sich ohne finanziellen Zuschuss kein Verlag auf das Wagnis einer solchen Edition einlassen wird, und ob die Kirche hier einspringen wird, bezweifle ich doch.

Ja, ich hatte einen wunderbaren ersten Mai (mit der ersten Nachtigall des Jahres).

Herzliche Grüße
Morgenländer