12. April 2012

Bloggen

Leute bloggen aus den unterschiedlichsten Gründen: Um andere an ihrem Privatleben teilhaben zu lassen oder mit entfernten Freunden in Verbindung zu bleiben, um eine 'Sache' voranzubringen, ihr Werk zu promoten, Gedanken auszutauschen, ihren Glauben zu bezeugen - meistens aus einer mélange all dieser Gründe.

Als ich heute vor zwei Jahren den Blog eröffnet habe, sollte es vor allem ein Ort für 'Schreibversuche' sein. Von Berufs wegen schreibe ich viel, aber das Geschriebene sind Gebrauchstexte: Berichte, Protokolle, Aktenvermerke, Presseerklärungen und offizielle Statements, die sich Regeln fügen, die ich mir nicht selbst gegeben habe.

Man spricht in solchen Texten, ob man will oder nicht, mit fremder Stimme. Das muss nicht heißen - das heißt in den seltensten Fällen -, dass man sich verstellt und Dinge sagt, die man als Privatperson nicht sagen würde; aber es heißt, dass die Erwartungen Dritter bestimmen, was man sagt und wie man es sagt.

Ein Blog, dachte ich, gibt einem die Freiheit, für sich selbst und mit eigener Stimme zu sprechen. Doch, seltsam, dieses 'Selbst' spricht offenbar am freiesten, wenn der Sprecher eine Maske trägt.

Die meisten Blogger wählen ein Pseudonym. Nicht, wie oft unterstellt wird, weil sie keine Verantwortung für das Gesagte übernehmen wollen, sondern weil es ihnen die Freiheit gibt, im Schreiben ein anderer zu sein als das alltägliche Selbst, das tausenden von (oft selbst auferlegten) Zwängen unterliegt.

Und so war auch 'Morgenländers Notizbuch' ursprünglich nicht das Notizbuch von U.C., der diese Zeilen schreibt. 'Morgenländer' war eine Kunstfigur.

Vor ein paar Monaten habe ich das Pseudonym offengelegt. Grund war damals die Verwilderung der Sitten, die im (anonymen/pseudonymen) Netz zu beobachten ist. Ein weiterer Grund war, dass 'Meinungen' an Gewicht verlieren, wenn niemand für sie einstehen muss. Das gilt für anonyme Buchrezensionen oder Produktbewertungen ebenso wie für politische Statements und Glaubensbezeugungen.

Ob sich der Blog verändert hat, seit er ein Impressum führt, weiß ich nicht; der Blogger aber auf jeden Fall:

So beobachte ich mich dabei, Themen zu vermeiden, über die ich vorher unbesehen geschrieben hätte.

Das Gesagte fällt ja auf den Schreiber zurück, und eine dumme Äußerung lässt auf die Dummheit des Bloggers schließen. Also schreibt man nur noch über Dinge, die man wirklich zu wissen meint.

Seltsamerweise wird man aber dümmer, wenn man Dummheit zu vermeiden versucht. Denn wie könnte man lernen, ohne Fehler zu machen, ohne zu entdecken, dass man gar nicht alle relevanten Tatsachen kennt und dass eine scheinbar wasserdichte Argumentation gar nicht schlüssig ist.

Man versucht auch, allzu strittige Themen zu meiden, denn schließlich gibt es im Alltag schon genug Streit, weshalb sich also in seiner Freizeit in neue Scharmützel verstricken; man ist schließlich nicht streitsüchtig.

Und so wird die geistige Welt, in der man sich bewegt, täglich enger, bis sie zu einer virtuellen Gefängniszelle wird, in der man mit einer Handvoll Gleichgesinnter eingeschlossen ist.

Auch macht es keine rechte Freude, von der eigenen Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen, wenn man Zeuge wird, wie 'Abweichler' in der täglichen Two Minutes Hate der öffentlichen Verachtung preisgegeben werden.

Kurzum, im Augenblick weiß ich nicht recht, ob (und vor allem: wie) ich diesen Blog fortführen werde.

Kommentare:

OneBBO hat gesagt…

Ahhhhh, das sehe ich ja ganz anders :-)

Ich kann keine großen Dinge bewegen, d.h. ob es irgendwo am Ende dieser Welt knallt oder nicht, liegt nicht in meiner Hand. Große Entscheidungen werden auch nicht in meine Hand gelegt.

Ich kann aber an MEINEM Platz im Leben das vertreten, was ich für wichtig halte. Da ist dann gelegentlich Zivilcourage gefragt, und die habe ich doch nur, wenn ich mit meinem Namen für das gerade stehe, was ich auf meinem Blog veröffentliche.

Es gibt Themen, die ich nicht unbedingt öffentlich anspreche, stimmt. Das finde ich aber auch gut, weil ich dann die Grenzen z.B. meiner Zivilcourage erkenne.

Die Auswüchse des anonymen Schreibens sind nämlich nicht wirklich gute Meinungen, sondern in den meisten Fällen ein Rumgehetze ohne Begründungen, Tatsachen. Dazu reicht ein Blick auf YouTube. Was ich mir da teilweise, anhören resp. lesen darf, lösche ich mittlerweile nur.

Ich weiß, dass ich manche Dinge nicht schreiben kann, weil sie mir beruflich schaden würden. Tja, Feigheit ist das dann. Aber ich weiß das. Anonym die Klappe aufreißen kann jeder, wirklich jeder, und davor habe ich selten Respekt.

Heute wird immer gesagt, dass im Dritten Reich die Leute so feige waren. Ja, einfach gesagt. Aber das von jemandem, der sich hinter einem anonymen Blognamen versteckt mit geringen Konsequenzen, wenn er nicht anonym wäre, im Vergleich mit Menschen, die damals ihre Meinung nur unter Lebensgefahr äußern konnten, finde ich einen Witz.

Zivilcourage ist nicht nur, wenn man sich in der U-Bahn gegen Schläger wehrt. Zivilcourage fängt da an, wo wir für das stehen, was wir predigen.

Frischer Wind hat gesagt…

Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Zweijährigen!

Ich kann Deine Gedanken absolut nachvollziehen.

Auch ich habe bis jetzt unter einem Pseudonym gebloggt und werde das - solange es möglich ist - auch weiterhin so halten. Es ist ja tatsächlich so, dass man verletzlicher ist, wenn man seine Identität preisgibt. Und diese Verletzbarkeit betrifft (meistens) nicht nur einen selbst, sondern die ganze Familie, Mann/Frau, Kinder (besonders diese). Ich fühle mich aber ihnen gegenüber zum möglichsten Schutz verpflichtet.

Gerade bei politischen oder religiösen Themen ist die Gefahr einer Diskriminierung, wie wir wissen, besonders groß, Tendenz steigend, würde ich sagen (bei einem Häkelblog würde ich mir da weniger Sorgen machen).

Eine "Verwilderung der Sitten", wie sie Dich bewegt hat, Deine Anonymität aufzugeben (und ich kann Deine Argumentation, wie gesagt, durchaus nachvollziehen), wäre für mich ein weiterer Grund, mein Anonymität zu wahren.

Ob die Gedanken oder Inhalte meines Blogs deswegen "an Gewicht verlieren" weiß ich nicht, muss ich gegebenenfalls in Kauf nehmen, aber ehrlich Suchende und wahrhaftige Menschen werden ihr Gewicht erkennen und (hoffentlich) einen Nutzen daraus ziehen können - wie immer dieser geartet sein mag.

Susanne hat gesagt…

Genauso sehe ich das auch. Wir leben in einem Land, das die Meinungsfreiheit hoch hält. Ich stehe für das, was ich schreibe, und habe mein Blog von Anfang an mit Impressum und offen geführt. Ich weiß zwar, worüber ich mich aus beruflichen Gründen lieber nicht auslasse, aber das beschränkt mich nicht wirklich. Und das, worüber ich schreibe, kann ich guten Gewissens vertreten.
Für mich ist mein Blog eine Medium, auf dem ich Gedanken und Texte veröffentlichen und für mich sammeln kann, die ich sonst nirgends veröffentlichen könnte. So ist es gleichermaßen Tagebuch, Notizbuch und meine persönlich herausgegebene Zeitung plus Fotoalbum. Eine Melange also, aber warum nicht. Wen's nicht interessiert, der muss ja nicht vorbeischauen.
Eine Bitte noch an Morgenländer: Ich habe dieses Blog gerade erst entdeckt und besuche es mit Begeisterung. Also bitte, bitte nicht aufhören.

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Zivilcourage hat nicht nur damit zu tun, ob ich überall meinen "Klarnamen" hinterlasse. Es gab und gibt Situationen, in denen es ein Gebot der Vernunft ist, wenn man seinen Namen verbirgt. Sicherlich sind wir nicht in einer Lebenswirklichkeit wie die Mitglieder der "weißen Rose". Uns drohen nicht GeStaPo, Roland Freisler und Fallbeil. Wir müssen nicht wie "Scarlett Pimpernell" die Jakobiner fürchten oder den päpstlichen Bann wie die "Dunkelmänner". Doch wer gegen die Denklinien des politisch korrekten Mainstreams verstößt, den erwarten genug gesellschaftliche Strafen, bis zur Existenzvernichtung. Im vernetzten globalen Dorf ist man schnell gegooglet! Und "bei Kirchens" sind die Strippen noch kürzer. Wer da nur eine falsche Veranstaltung besucht, ist schnell in einer Schublade, aus der er oder sie nicht mehr rauskommt. Ich weiß leider nur zu gut, wovon ich spreche.
Leider haben wir es heute kaum noch mit waschechten Demokraten zu tun, denen der freie Austausch von Gedanken am Herzen liegt und wo das bessere Argument gewinnt und man den Gegner achtet. Das gab es mal, als sich Ludwig Windthorst und Otto von Bismarck im Reichstag begegneten. Wo unsere Gesellschaft angekommen ist, kann man am "Emdener Flashmob" genauso ablesen, wie an den Drohbriefen von islamistischer Seite, die in den letzten Tagen bei FR, Tagesspiegel etc. eingegangen sind, in denen man "enttarnten Kritikern" mit Gewalt droht.
Die Schere der Selbstzensur fängt sehr früh an, wenn man an seine Existenz oder das blanke Überleben denken muß.
Also bitte etwas mehr Realismus und nicht so viel hehre Ideologie zur "Zivilcourage".
Zur Frage der U-Bahnschläger gebe ich dir jedoch gerne Recht! Da ist aller Pazifismus vergebens. Da hilft nur was auf die Rübe! Oder habe ich Dich da mißverstanden?

Mein Tipp an den Morgenländer:
Ich schätze Deine Seite sehr, auch wenn Du dich selbst zensurierst. Mache doch einfach eine weitere anonymisierte Seite auf und melde dich im Kommentarbereich der Blogozese...
Schau, wie es Dir damit geht.
Herzliche Grüße,
Laurentius

Anonym hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch und von Herzen Dank für Ihren besonderen Blog,der durch die Texte , die Musik,das Gesagte und die Art und Weise wie es vorgetragen wird auffallend ist!Mit einem Wort :Exzellent!
Für ihre Entscheidung Glück und Segen; und Ihnen, als treue Leserin versichert,nicht wundern ,wenn demnächst diverse Buchhändler sich als Werbepartner anbieten:-) das geht auf meine Rechnung!
D.H.aus München

Giovanni hat gesagt…

Ach was...unbedingt weiter mach und zwar genau so...Morgenländer! Anonymität ist zum Teil ohnehin eine-wenngleich hilfreiche-Illusion zum anderen hat es etwas Spielerisches. Wie LePenseur kürzlich aufzeigte, ist zumindest imn Kakanien seit 1. April Anonymität im Netz ganz offiziell Illusion...ob es bei euch tatsächlich anders ist- Gesetz hin - Gesetz her- wage ich zu bezweifeln.
Giovanni

Nikola Hotel hat gesagt…

Lieber Morgenländer,

Danke für diesen Gedankenanstoß!
Ich stimme Ihnen zu, dass man nicht ungehemmt redet wie einem der Schnabel gewachsen ist, wenn man es nicht anonym tut. Ich versuche immer an der guten Rat einer anderen 'öffentlich' Bloggenden zu denken:
Schreib nur dass, was Du auch am nächsten in der Zeitung lesen würdest, ohne Dich zu schämen.
Und dieser Gedanke hemmt mich sehr!
Für mich ist deshalb der Blog auch kein Tagebuch. Das ist schade, aber er bietet mir immerhin auch die Möglichkeit mit anderen in ' intimen' E-Mail-Verkehr zu treten.
Ich habe auch schon Sätze bereut, und man darf nicht vergessen: der Cache vergisst nie.;)

Liebe Grüße
Nikola

OneBBO hat gesagt…

Wenn wir in einer Tyrannei leben würden, ja, dann mit Pseudo und anonym. Aber noch tun wir das nicht, aber wenn wir diesen Trend unterstützen, dann helfen wir mit dabei, dahin zu laufen. Meine persönliche Meinung.
Ich vertrete keine hehre Zivilcourage, ich bin sehr realistisch. Ich bin nämlich keine Heldin. Deshalb erkenne ich auch, wo meine "Feigheit" anfängt. Und auch dazu stehe ich. Und das tut ein anonymer Blogger nicht.

Eugenie Roth hat gesagt…

Ich für meinen Teil - weiß, dass man hier nicht wirklich anonmym ist - bleibe lieber bei der 117jährigen alten Dame Eugenie. Es schreibt sich leichter, als wenn das mit dem Originalnamen "unterschrieben" werden müsste.
Ob Original oder Maske - weiter machen! - Anonym oder nicht, das werden Sie mit der Zeit schon merken ... DANKE - vor allem für die schöne Musik. (Mit Buchstaben habe ich beruflich schon so viel zu tun ...)

Lunario hat gesagt…

Zunächst einmal hoffe ich sehr, dass du dich nicht dazu entschließt, deinen Blog zu schließen (auch wenn ich das ja selbst vor einigen Monaten getan habe).

Ich denke, jeder muss eine Balance zwischen dem finden, was ihm wahrhaft freies Bloggen erlaubt und dem Schutz vor Auswirkungen, die das auf die eigene Stellung oder Person im realen Leben haben kann. Ich persönlich habe es so gehandhabt, einerseits Bilder von mir zu posten und viele Bilder aus meiner nahen Umgebung, aber andererseits ein Pseudonym zu verwenden und auch noch in englischer Sprache zu bloggen, sodass mich direkte Bekannte aus der realen Welt wohl eher nicht finden würden (auch wenn ich viele deutsche Leser hatte).

Allerdings war mein Blog ja auch anderer Natur als deiner, in dem du viel Binnenpolitisches und Religiöses zum Inhalt machst. Da könnte ich es sehr gut nachvollziehen, wenn du dich entschließt, die direkten Affronts (in welcher Form auch immer) nicht länger aushalten zu wollen, auch wenn du dabei in gewisser Weise "einknickst".

Lauda Sion hat gesagt…

Das wär aber schade...Ist es nicht genau das, was "Die" wollen, das wir still sind und den Mut verlieren?
LG

Morgenländer hat gesagt…

Erst einmal allen herzlichen Dank für eure Gedanken, Anregungen und euren Zuspruch!

@OneBBO:

Ich stimme dir zu, dass von der Möglichkeit, anonym/pseudonym zu schreiben, oft schlechter Gebrauch gemacht wird; aber gerade in den letzten Tagen dachte ich manchmal, dass die Medienjournalisten, die unter Nennung ihres Namens publizieren, eben auch mächtige Verlage und deren Rechtsabteilungen im Rücken haben - ihr Risiko ist also ungleich geringer als das eines privaten Bloggers. Und schau dir an, welchen Gebrauch die Presse von ihrer Freiheit macht...

@Susanne:

Herzlich willkommen im Blog! Was den Zustand der Meinungsfreiheit hierzulande angeht, bin ich mittlerweile sehr desillusioniert. Natürlich, man soll es nicht dramatisieren: staatliche Verfolgung droht uns nicht (oder doch nur höchst selten), aber der Konformitätsdruck wächst und wächst; und missliebige Meinungen werden immer seltener widerlegt - es genügt, den Charakter des Andersdenkenden herabzuwürdigen, ihn lächerlich zu machen, zu diffamieren usw. Was früher Boulevardzeitungen vorbehalten war, ist heute Usus auch bei einstmals seriösen Zeitungen wie der FAZ und der 'Welt'.

@Laurentius:

Es gibt bestimmt gute Gründe, pseudonym zu bloggen, und ich wollte auch nicht pauschal behaupten, dass 'pseudonyme' Wortmeldungen weniger Gewicht hätten als nicht-pseudonyme- schließlich gibt es genügend Blogs in der Blogoszese, deren Qualität das Gegenteil beweist.

Was ich meinte ist, dass hinter jeder Äußerung ein Mensch steht, der sie macht, und dass ich die 'Belastbarkeit' vieler Meinungen besser einschätzen kann, wenn ich weiß, wer sie äußert.

Deine Anregung werde ich mir durch den Kopf gehen lassen.

@D.H.:

Auch hier: herzlich willkommen im Blog und vielen Dank für Ihr Lob, das mich sehr gefreut hat.

@Giovanni:

Die EU-Kommission hat gerade ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet, weil die Europäische Richtlinie hierzulande wegen eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts bisher nicht umgesetzt worden ist. Wie das Ganze enden wird, ist momentan noch nicht abzusehen.

Teil II folgt...

Morgenländer hat gesagt…

Teil II:

@Nikola:

Gerade bei Ihrem Blog hatte ich immer den Eindruck: "Mensch, da schreibt jemand, wie ihr der Schnabel gewachsen ist" - man meint fast, die Person hinter den Beiträgen zu 'sehen', so lebendig und spontan wirken die Texte; aber das hat gewiss auch damit zu tun, dass Sie auch fiktionale Texte schreiben und die Worte vielleicht etwas ungesuchter kommen als bei jemandem wie mir, der 'spontan' die ödeste Verwaltungsprosa schreibt.

@Eugenie:

In der stillen Woche habe ich im Blog auf Musik verzichtet, jetzt wird es wieder mehr davon geben.

@Lunario:

Ja, dein Blog hatte einen anderen, sehr viel persönlicheren Charakter als das 'Notizbuch', und ich habe dich immer für den Mut bewundert, Fremde an soviel eigenem Leben teilhaben zu lassen.

Und es würde mich sehr freuen, wenn du den Blog in der einen oder anderen Form wieder aufleben ließest.

Wo ich lebe, wissen viele, wer 'Morgenländer' im wirklichen Leben ist, und ich vertrete im Alltag auch dieselben Positionen wie hier - nur spricht man halt nicht mit jedem über alles, und außerdem kann das Gesagte besser eingeordnet werden, wenn man den Blogger auch als reale Person kennt.

Anders ist es, wenn man plötzlich auf anderen Blogs lesen muss, man stehe in der 'ganz rechten Ecke' und ähnliches, oder wenn man morgens erstmal die aggressiven Kommentare löschen muss, die über Nacht eingegangen sind, oder einem angedroht wird, der eigene Arbeitgeber würde über die Onlineaktivitäten seines Angestelten informiert werden (was er, by the way, ohnehin ist).

Ohne das jetzt dramatisieren zu wollen: es kann einem
manchmal schon den Tag vergällen,

@Lauda Sion:

Noch ist es nicht so, dass ich den Mut verloren hätte; ich sehe ja Tag für Tag viele andere Blogger, die ohne zu resignieren sagen, was sie zu sagen haben - aber ich mache mir schon Sorgen über den Zustand eines Landes, in dem die Reputation von Menschen wegen 'eines falschen Worts' zerstört wird: und das ausgerechnet im Namen von Freiheit und Toleranz...

Herzliche Grüße
Morgenländer

AnnetteWeber hat gesagt…

Bloggen und über sein Privatleben, seine Meinung und seine Befindlichkeit zu schreiben, macht verletztlich, egal ob man anonym schreibt oder unter seinem Namen.
Im Internet hat eine seltsame Sitte um sich gegriffen, die ich als Blog-Stalker bezeichnen würde. Sie sind immer da, behaupten, eine andere Meinung zu vertreten, aber in Wirklichkeit beleidigen sie und treffen in der Regel auch unter der Gürtellinie. Wenn man so einem Stalker aufgesessen ist - sie sind überall und jeden kann es treffen - ist man einfach nur machtlos.
Mitunter hatte ich das Gefühl, du hast so einen Stalker an der Backe. Das ist einfach nur schrecklich, und dann verliert man jede innere Freiheit, zu schreiben was man möchte.
Ich freue mich, dich gefunden zu haben, und ich mag deine bunte Mischung aus Musik, Literatur und persönlicher Meinung.
Gruß Annette

Morgenländer hat gesagt…

Liebe Annette,

ja, einen Stalker gab's hier zwischendurch auch, das war sehr lästig; aber seit ich auf 'Kommentarmoderation' umgestellt habe, hat sich das gottlob wieder erledigt.

Laurentius hat oben etwas angesprochen, was sich leider nicht so bald lösen lässt: die schwindende Bereitschaft, anderen zuzuhören, die andere Meinung gelten zu lassen.

Man meint, den anderen nicht überzeugen zu können (weil der an charakterlichen Defekten leidet) und das auch nicht nötig zu haben, weil Denunziation und Verächtlichmachung viel wirksamer sind.

Das beunruhigt mich.

Ich will aber auch nicht übertreiben: Gerade in der Blogosphäre zeigt sich ja, dass es auch anders geht, und man entdeckt Tag für Tag neue Blogs voll Esprit und Lebendigkeit - das allein ist schon Grund genug, dem Bloggen nicht ganz den Rücken zu kehren.

Herzliche Grüße
Morgenländer

Meckiheidi hat gesagt…

Lieber Morgenländer,

da Du mich dazu gebracht hast, dies zu lesen, will ich damit auch versuchen, Dir einen Kommentar zu geben:

"And I will show you something different from either
Your shadow at morning striding behind you
Or your shadow at evening rising to meet you
I will show you fear in a handful of dust."

Diese Zeilen T.S.Eliots (aus "the waste land") stellt Evelyn Waugh seinem Roman "Eine Handvoll Staub" voran. Da geht es ja, wie Du sicher öfter und intensiver gelesen hast als ich, um einen jungen Mann, dessen Leben ganz nach seinem Wunsch zu verlaufen scheint. Doch schließlich verliert er seine Frau, sein Kind stirbt, sein Zuhause wird ihm genommen. Er begibt sich auf Reisen, nimmt an einer Forschungsreise teil, nur um den "Schatten", die ihn bedrücken, zu entfliehen - nicht um wirklich an Wissen zu gewinnen. Er wird im Urwald schwer krank und verirrt sich. Durch einen einsiedlerisch lebenden Eigenbrötler wird er gerettet und geheilt - aber dieser will ihn nur aus Eigennutz bei sich behalten. Er braucht ihn als Vorleser für das Einzige, was er an Büchern besitzt, die Romane von Dickens. Alle Fluchtpläne misslingen. Am Ende vereitelt der "Gefängniswärter" dass ein Rettungstrupp ihn findet und gibt ihn als tot aus. Nur seine Uhr kehrt als Beweis, dass er nicht mehr ist, nach Hause zurück. Dort haben ziemlich primitive entfernte Verwandte sein so liebevoll gepflegtes Zuhause übernommen. Nichts wäre ihnen unangenehmer, als seine Wiederkehr, auch seiner davongelaufenen Ehefrau ist sein angeblicher Tod sehr recht.
Nachdem ich das Buch, das Du in Deinem Blog erwähnt hast, gelesen hatte, dachte ich tagelang darüber nach. Das Ende ist offen. Der Leser weiß, dass die Hauptfigur noch lebt, dazu verdammt, tagein, tagaus einem verschrobenen und recht gefährlichen Irren vor zu lesen, immer die gleichen Texte. Ich dachte - und denke mir noch immer - Fortsetzungen aus, die das Buch gut ausgehen lassen, zum Beispiel, dass Tony nicht verzweifelt, sondern an dem Vorlesen der Geschichten wahres Vergnügen findet. Dass es ihm im Urwald anfängt zu gefallen, und dass er so viel wie möglich von dem Alten und den Indianern lernt. Dass er beginnt, selbst Geschichten zu schreiben und damit seinen "Wächter" fasziniert und verändert. Und so weiter, und so weiter...Was ich damit sagen will: Das hast Du, lieber Morgenländer, in mir "angeschubst"! Selten hat mir etwas so viel Vergnügen bereitet wie die Leserunde um Evelyn Waugh und die sich daraus ergebenden "Weiterlesereien". Ich wollte Dir schon lange dazu schreiben - das tue ich jetzt hiermit: Ich bin froh, dass Du nicht ganz so anonym warst,sondern dass zu dem Menschen, der so viel Interessantes zu mir gebracht hat, ein Name und ein Gesicht gehört. Und ansonsten: Open end! Bei all den bedrohlichen Schatten kann die Geschichte auch anders ausgehen, als dass ein prima Blog zu einer "Handvoll Staub" zerfällt!
Mit ehrlicher Hochachtung - und aufrichtiger Dankbarkeit!
Mechtild

Jens hat gesagt…

Lieber Udo.

Es gibt natürlich genug Irre im virtuellen Raum, aber - und das zeigt auch der Kommentarbereich in Deinem Blog- es gibt auch genug, mit denen der Kontakt sich lohnt.

Bekanntschaften, die ohne das Internet gar nicht möglich gewesen wären.

Ich lese sehr gern bei anderen Bloggern, selbst wenn diese ganz andere Meinungen haben, als ich selbst. Die Bloggersphäre ist gelebter Pluralismus und ich liebe das.
Traurig um jede Stimme, die hier verstummt.

Wenn man seine Ansichten offen preisgibt, macht man sich zwar auch "angreifbar", aber im günszgsten Fall entwickeln sich auch interessante Diskussionen.
Auch hierfür ist Dein Blog ein glänzendes Beispiel.

Wahrlich es gibt wohl kaum ein Thema, bei dem wir völlig übereinstimmen, aber gerade deshalb fände ich es furchtbar, wenn DEine Stimme auch verstummen würde.

Persönlich gefällt mir die personalisierte Version Deines Blogs auch besser, aber lieber wieder die annonymisierte Form, als gar nicht.

Ein schönes Wochenende und LG aus Shenzhen
Jens

Morgenländer hat gesagt…

Liebe Mechtild,

die Leserunde hat mir auch viel Freude gemacht; sie ist ein gutes Beispiel dafür, wozu die Blogosphäre gut sein kann: in Austausch zu treten, sich gemeinsam Gedanken zu machen und am Ende etwas scheinbar längst Bekanntes mit neuen Augen zu sehen.

Damit so etwas möglich ist, muss man freilich bereit sein, dem anderen zuzuhören, hier und da auch einmal alte Gewissheiten einzuklammern, und anzuerkennen, dass die Welt (oder ein Buch) mehr ist, als wir durch unsere Gedanken ausschöpfen können.

Und daran, finde ich, mangelt es hierzulande immer mehr:

Es werden Deutungsmuster vorgeschrieben, korrekte Rede- und Sichtweisen, und der andere wird nur noch gehört, wenn er sagt, was alle sagen.

Nicht mal ihn zu widerlegen (geschweige denn, seiner Sicht der Dinge ihr Recht zu lassen), scheint noch nötig: es reicht, einen dunklen Flecken auf seiner Weste zu finden und seinen Charakter anzuschwärzen, um nach allgemeinem Skandalgeschrei wieder zur Tagesordnung übergehen zu können.

Die jüngste Grass-Debatte ist dafür ein gutes, d.h. schlechtes, Beispiel.

"Bei all den bedrohlichen Schatten kann die Geschichte auch anders ausgehen" - ja, das denke und hoffe ich auch. Ich weiß halt im Augenblick nur nicht so recht, welcher Weg aus dem Dschungel wieder herausführt...

Herzliche Grüße
Morgenländer

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Jens,

die Irren im virtuellen Raum sind das eine; damit kann man zur Not noch zurechtkommen (etwa durch Pseudonymisierung und/oder Einrichtung einer Kommentarmoderation, wie hier im Blog); sie allein würden mich vielleicht gar nicht so sehr stören, wenn nicht der normale Diskurs immer selbstgerechter und eben auch 'irrer' würde.

Vor fünf, sechs Jahren hätte ich es beispielsweise nicht für möglich gehalten, dass eine Zeitung wie die FAZ ihre Leser tagaus, tagein mit immer neuen Wortmeldungen füttert, die nur ein Ziel haben: Die andere Meinung zum Schweigen zu bringen.

Oder schau dir die SPD an, die sich eilfertigst von Grass distanziert, dessen 'kritische Solidarität' sie jahrzehntelang in Anspruch genommen hat.

Der aktuelle Anlass ist dabei, denke ich, fast egal. Ich habe eher den Eindruck, dass diese schauprozess-ähnlichen 'Abrechungen' schlicht die Funktion haben, das Publikum zu unterhalten ("How the mighty are falling!") und zu disziplinieren.

Ja, die Blogosphäre ist ein Beispiel dafür, dass es auch anders geht. Und wie du lese ich auch am liebsten Blogs, in denen zu lesen steht, was ich nicht selbst auch sagen würde. Im Netz sind die Diskussionen auch 'spielerischer' als im realen Leben, weil es ja um weniger geht und man sich gegen den anderen nicht 'durchsetzen' muss.

Mal schauen, ich werde in den nächsten Tagen noch einmal durchdenken, was hier gesagt worden ist, und dann überlegen, ob (und wie) es hier weitergeht.

Vielen Dank für deine Zeilen und herzliche Grüße nach China

Udo

Le Penseur hat gesagt…

@OneBBO:

Wir leben in einer de-facto-Tyrannei. Sie ist moderner als die mit Gulags à la Stalin und KZs à la Buchenwald. Schon die DDR hatte aus ihren Anfängen mit den Massenerschießungen von Bautzen gelernt und sich später weitgehend auf die Zermürbungs- und Einschüchterungstaktik beschränkt. Wenn Sie dazu was lesen wollen, empfehle ich Ihnen Freya Klier's »Abreißkalender«. Beklemmend!

Heute sind wir wieder fast so weit. Mit Gummiparagraphen wie »Verhetzung« können Sie Leute fast beliebig in den Knast bringen, wenn der Richter mitspielt. Und der Richter, der Karriere machen will, spielt mit. Das ist nur mehr graduell, nicht prinzipiell von DDR-Zuständen verschieden. Und selbst der graduelle Unterschied nimmt von Jahr zu Jahr ab.

Ich habe nun ja keineswegs den Eindruck, daß dieser mein Blog quasi das Parteiprogramm einer kommenden Partei der Muselmanenschlächter wäre und ich sozusagen als geistiger Ziehvater eines anti-islamischen Hitler2 agiere. Wer solches behauptet, tickt meiner Ansicht nach nicht ganz richtig.

Aber dessen ungeachtet kann ich über das eine oder andere Wort, das mir zurechenbar angelastet werden kann, durch zivilrechtliche und strafrechtliche Verfolgung an den Bettelstab und ins Gefängnis kommen. Letzteres hätte den Verlust meiner Berufsbefugnis zur Folge, womit auch meine Angestellten auf der Straße stünden. Meine Familie wäre einkommenslos.

Ich bin kein Held. Ich bin nicht mal so viel Held wie Sie, daß ich erkennen möchte, wo meine Feigheit anfängt. Sondern ich glaube, daß dieses System nur durch ständige Subversion und Zermürbung fallen kann. So, wie seinerzeit die DDR nicht durch die paar todesmutigen Dissidenten, sondern durch die vielen, die einfach Dienst nach Vorschrift machten und ggf. in ihren Betrieben klauten, pardon: organisierten, was sie fürs Überleben benötigten. Und still subversiv waren.

Heute stehen wir einer staatlichen Bespitzelungskrake gegenüber, gegen die die Zettelkästen und Abhörwanzen der Stasi wie Kindereien anmuten. Ich weiß: ich kann nicht verhindern, daß diese Daten gesammelt und gerastert werden. Und ich kann auch nicht ausschließen, daß sie mir einmal von einem systemkonformen Staatsanwalt höhnisch lächelnd auf den Tisch geknallt werden.

Aber ich kann wenigstens versuchen, es dieser organisierten Staatskriminalität so schwer wie möglich zu machen, mich fertigzumachen. Mehr nicht.

Und dafür brauche ich meine Anonymität. Denn ich mag zwar feig sein. Aber blöd bin ich deshalb noch lange nicht.

Martin Johannes Grannenfeld, der auch nicht so heißt hat gesagt…

nun, ich hinke zwar ein paar Tage hinterher, will mich aber trotzdem noch zu Wort melden -

erstmal, bitte unbedingt weitermachen! Ich finde gerade einen Blog wie den Ihren, der einen weitgreifenderen kulturellen Horizont hat und so dazu beiträgt, den traditionellen Katholizismus nicht im Ghetto von Marienkitsch und Mundkommunionsplädoyers ersticken zu lassen, immens wichtig, und ich schaue immer gerne vorbei!

zweitens, die Frage mit Pseudonym und Feigheit hab ich mir auch am Anfang gestellt. Allerdings wäre es ohne Pseudonym bei mir gar nicht möglich gewesen anzufangen, bzw. nicht ohne meinen Beruf (Komponist) an den Nagel zu hängen. Das habe ich gerade erst wieder unseligerweise gemerkt, als ein paar kleine Links von meiner Komponistenwebsite zu gewissen "missliebigen" Gestalten der Geistesgeschichte eine wilde, seitenlange und primitive Hetzjagd (übrigens weitgehend unter Klarnamen) auf einem Musikblog ausgelöst haben. Das waren zwar in erster Linie Kleinkrämer und gescheiterte Musiker, und ich habe auf der anderen Seite auch viel Unterstützung bekommen. Soweit reicht die Meinungsfreiheit also doch noch. Allerdings wäre bei Ansichten, wie ich sie auf meinem Blog mitunter vertrete, definitiv der Ofen aus.

Was ist also feige?
- seinen bürgerlischen Namen verschweigen und unter Pseudonym schreiben?
- seinen bürgerlichen Namen preisgeben und brenzlige Themen vermeiden?
- seinen bürgerlichen Namen preisgeben, brenzlige Themen behandeln und dafür seine(n) Beruf(ung) im realen Leben aufgeben resp. die Ernährung der Familie nicht zustandebringen?

In allen drei Optionen steckt Mut und in allen dreien Feigheit. Im Pseudonym steckt ja aus traditioneller Sicht auch Demut (auch wenn man dieses Argument nicht benutzen sollte, um die dennoch inhärente Feigheit zu rechtfertigen).

Welche Option die jeweils beste ist, muss wohl jeder selbst abwägen.

Der Weg zurück zum Pseudonym scheint mir bei Ihnen jedenfalls möglich zu sein - mit der Methode, die Laurentius skizziert hat.

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Herr Grannenfeld (der auch nicht so heißt),

ich danke Ihnen für Ihre Gedanken!

Als ich den Blog seinerzeit eröffnet habe, war es Scipios "Credo ut intelligam", den ich mir zum Vorbild genommen habe, eines der besten Beispiele für einen weltoffenen und glaubensfesten Blog, die ich kenne.

Mir war immer wichtig zu zeigen, dass Katholizismus nicht maulige Gestrigkeit und Provinzialität bedeutet, sondern Zeugnis für das Ewige im Strom des Vergänglichen und Orientierung an einer lebendigen Tradition, die es uns allererst ermöglicht, unseren eigenen Weg und unsere eigene Stimme zu finden.

Erfahrungen wie Sie habe ich leider auch gemacht.

Sie sind ja aich ein Zeichen dafür, dass der scheinbar massive Koloss des modernen Säkularismus tatsächlich auf tönernen Früßen steht - denn wieviel Selbstgewissheit haben die, denen schon Blogs mit so kleiner Leserzahl ein Dorn im Auge sind?

Ob ich den Weg zurück zur Pseudonymität gehe, weiß ich noch nicht; vielleicht, wenn mir ein Pseudonym einfällt, dass mir ebenso gefällt wie der 'Morgenländer' ;-)

Herzliche Grüße
Morgenländer