Ankündigung einer Sklavenauktion (1840 in New Orleans)
In den vergangenen Posts zum Thema
"Sklaverei" haben wir gesehen, dass diese von ihren Befürwortern als Alternative zum System freier Lohnarbeit empfohlen wurde:
Jede Gesellschaft, so die Autoren, gründe auf der Herrschaft einer Gruppe über eine andere, die zur Verrichtung der manuellen Arbeit gezwungen werde. Die von Arbeit entlastete Gruppe sei dann frei für höhere Tätigkeiten (politische Führung, Technik, Kunst und Wissenschaft). Die freie Lohnarbeit sei nur scheinbar frei; in Wirklichkeit werde auch der freie Arbeiter zur Arbeit gezwungen, durch Konkurrenz und Not.
Demgegenüber sei der Sklave sogar besser gestellt, weil er - wie ein Haustier - zum Besitz des Sklavenhalters gehöre, der deshalb um das Wohlergehen seiner Arbeiter besorger sei als ein Unternehmer im Kapitalismus, der für alte und kranke Arbeiter jederzeit Ersatz auf dem Arbeitsmarkt finde - Sklaverei stellte sich in den Augen ihrer Befürworter also als eine frühe Variante des Wohlfahrtsstaates dar.
Dass die Wirklichkeit der Sklaverei eine andere war, muss ich wohl kaum betonen. Sklaven waren der Willkür ihrer Herren hilflos ausgeliefert, galten sie doch im amerikanischen Rechtssystem als
"property", über das der Herr absolute Gewalt hatte:
"The power of the master must be absolute, to render the submission of the slave perfect." (Urteil des Supreme Court von North Carolina 1829)
Lesen und Schreiben zu lernen war Sklaven verboten. Ohne Zustimmung ihrer Eigner konnten sie keine Geschäfte tätigen und auch zu heiraten war ihnen nicht möglich. Eltern und Kinder konnten durch Verkauf jederzeit getrennt werden.
Körperliche und sexuelle Übergriffe waren an der Tagesordnung und konnten kaum geahndet werden, da Sklaven nicht das Recht hatten, vor Gericht gehört zu werden. Zu den Besonderheiten der amerikanischen Sklaverei gehörte ferner, dass die weißen Sklavenhalter ihre eigenen Söhne und Töchter versklavten, denn die Kinder von Sklavinnen und freien Weißen wurden von Rechts wegen als Sklaven geboren.
Als Sklave geboren zu werden hieß, als verwertbares Eigentum Dritter geboren zu werden. Einige Südstaaten hatten die Sklavenzucht seit dem Ende des transatlantischen Sklavenhandels zu ihrem Hauptgeschäft gemacht.
Eines der Hauptprobleme dieses Systems war es, die Flucht der Sklaven in die anliegenden Nordstaaten zu verhindern. Zu diesem Zweck hatten die Südstaaten 1850 den
"Fugitive Slave Act" durchgesetzt, der die Bundesregierung verpflichtete, Jagd auf flüchtige Sklaven zu machen. Dies hatte zur Folge, dass selbst freie Schwarze fürchten mussten, von Sklavenjägern versklavt zu werden.
So erregte etwa folgender Fall Aufsehen: Ein junger Mann hatte mit der Plantage seines Vaters auch dessen Sklaven geerbt. Als er sich in eine seiner Sklavinnen verliebte, floh er mit ihr in den Norden, da es ihm nach dem Recht seines Bundesstaates weder erlaubt war, sie zu heiraten, noch auch nur sie freizulassen. Das junge Paar ließ sich in einem der Nordstaaten nieder und gründete dort eine Familie. Nach dem Tod des Mannes erbten entfernte Verwandte seine Plantage und verklagten den Nordstaat auf Auslieferung der Witwe und ihres Sohnes. Der Klage wurde stattgegeben.
Hat der anglikanische Theologe William Paley (1743 - 1805) übertrieben, als er in seinem Werk
"The Principles of Moral and Political Philosophy" (1785) von der Sklaverei als
"the most merciless and tyrannical system of laws that ever were tolerated upon the face of the earth" sprach?
Mag es für uns auch selbstverständlich sein, dass Sklaverei Unrecht ist - in den demokratisch und rechtsstaatlich verfassten USA war sie bis zum Ende des amerikanischen Bürgerkriegs positives Recht. Dass positives Recht Unrecht sein kann, ist ein auch heute noch sehr umstrittener Gedanke. Von einflussreichen rechtsphilosophischen Schulen wie etwa dem Rechtspositivismus wird dies ausdrücklich geleugnet.
Wer positives Recht für Unrecht hält, wird dies gut begründen müssen. Und hier sehe ich die bleibende Bedeutung des nur scheinbar obsoleten Streits um die Sklaverei.