25. Oktober 2011

Marx-Lektüre eines Geistlichen

Pieter Aertsen, Markttag, 16. Jhdt.

Als ich den Blog nach einer längeren Pause im Sommer wieder eröffnet habe, habe ich eine Reihe von Beiträgen zu hierzulande wenig bekannten Wirtschaftswissenschaftlern angekündigt. Heute will ich das endlich mal einlösen, mit einem kleinen Beitrag über den britischen Geistlichen, Sozialreformer und Ökonomen Philip Wicksteed (1844 - 1927).

Es ist eine selten notierte, aber sehr bemerkenswerte Tatsache, dass unter den großen Ökonomen der Vergangenheit viele Theologen waren, unter denen der vielverleumdete T.R. Malthus nur der bekannteste ist.

Zur gleichen Zeit wie Malthus lehrte auch der spätere (anglikanische ) Erzbischof Richard Whately diese von Thomas Carlyle verächtlich 'the dismal science' getaufte Wissenschaft.

Philipp Wicksteed war einer dieser an ökonomischen Fragen interessierten Geistlichen, und man nähert sich seinem Werk am einfachsten, indem man fragt, was ihn zur Beschäftigung mit wirtschaftlichen Fragen trieb.

Nun, Wicksteed war Unitarier, und diese protestantische Glaubensrichtung warb für ein praktisches Christentum, das sich in der Durchdringung des Alltags mit christlicher Liebe bewähren sollte. Es war eine Unitarierin, Elizabeth Gaskell, die mit "Mary Barton" und "North and South" die bleibendsten englischen Sozialromane veröffentlicht hat.

Wie Gaskell war auch Wicksteed leidenschaftlich an einer Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen interessiert.

Seinerzeit waren viele Intellektuelle zu der Überzeugung gekommen, dass der Kapitalismus eine durch und durch ungerechte und wegen ihrer Krisenanfälligkeit auch nicht überlebensfähige Wirtschaftsordnung sei. 

Radikale Reformvorschläge (etwa des seinerzeit sehr einflussreichen Henry George) und sozialistische Utopien (wie die des Dichters William Morris) bestimmten die Diskussion.

Wicksteed bewegte sich in den Kreisen der einflussreichsten Reformbewegung, den 'Fabians', die damals begannen, sich für das Werk von Karl Marx zu interessieren. Auch Wicksteed begann, Marx zu studieren.

Und kam zu dem ernüchternden Ergebnis, dass an dessen Theorie nichts dran sei.

Ein Jahr nach Marx' Tod veröffentlichte Wicksteed seine Marx-Kritik, die in ihrer Fairness, Klarsicht und Überzeugungskraft auch nach 130 Jahren immer noch lesenswert ist*.

Marx' Grundidee ist, dass der marktwirtschaftliche Kapitalismus ein strukturell ungerechtes und krisenhaftes System ist.

In einer Marktwirtschaft, so Marx, scheint es gerecht zuzugehen: Die Produkte menschlicher Arbeit werden nicht (wie in Sklavengesellschaft und Feudalismus) durch Gewalt umverteilt, sondern friedlich und einvernehmlich getauscht. Und jeder scheint das Seine zu bekommen, denn Waren tauschen sich im Großen und Ganzen zu ihren Werten.

Was aber bestimmt den Wert einer Ware? Nun, die Arbeitszeit, die zu ihrer Herstellung nötig ist. Ein Sack Kartoffeln tauscht sich gegen ein Paar Schuhe, weil in beide die gleiche Arbeitszeit eingegangen ist. Wäre es anders, würde der Kartoffelbauer aufhören, Kartoffeln anzubauen, und die daraus resultierende Kartoffelknappheit würde den Preis so lange erhöhen, bis ein Gleichgewicht erreicht ist.

Scheinbar, so Marx, steht also alles zum Besten in der besten aller Welten. In Wirklichkeit aber vollzieht sich unter der Oberfläche ein unsichtbarer Raub: die arbeitende Klasse hat nämlich nichts auf den Markt zu tragen als ihre bloße Arbeitsfähigkeit. Und die hat die Eigenschaft, mehr zu produzieren, als sie wert ist.

Wie bei allen Waren bestimmt sich auch der Wert der Arbeitskraft nach der zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitszeit. Ein Landarbeiter, der sechzig Stunden wöchentlich auf's Feld geht, erzeugt aber Produkte, die weit mehr wert sind als die Kosten seiner Arbeitskraft. Und was wird aus dem Überschuss? Den eignet sich der Besitzer des Feldes an. Der Arbeiter wird ausgebeutet.

Dieser Gedankengang scheint so plausibel, dass er auch heute noch immer wieder vorgetragen wird, selbst von Leuten, die es weit von sich weisen würden, als Marxisten bezeichnet zu werden.

Für Wicksteed ist er aber von Grund auf verfehlt.

Schauen wir uns einmal an, was geschieht, wenn zwei Menschen etwas austauschen:

Martin trägt eine Gans zu Markte und Peter seine Kartoffelernte. Martin möchte Kartoffeln kaufen, Peter eine Gans. Martin möchte möglichst viele Kartoffeln im Tausch gegen seine Gans, Peter umgekehrt möchte sich von möglichst wenigen Kartoffeln trennen. Sie beginnen zu handeln. Verlangt einer vom anderen zu viel, kommt der Tausch nicht zustande. Erst wenn beide etwas erwerben, dessen Wert sie höher schätzen als den ihres eigenen Produkts, ist das Feilschen zu Ende.

Die Idee, auf dem Markt würden 'gleiche Werte' gegeneinander getauscht, ist einfach falsch. Und ebenso falsch ist die Annahme, der Tausch sei 'wertneutral'. Tatsächlich sind Martin und Peter - was Marx für unmöglich erklärt hatte - am Ende des Markttages beide reicher als zuvor

Dass sie es sind, ist aber nicht von außen feststellbar. Es gibt keine Waage, auf der der Wert von Gänsen und Kartoffeln gegeneinander abgewogen werden könnte. Werte sind nichts 'Gegebenes', es gibt sie nur als (subjektive) Wertschätzungen: Nur Martin und Peter wissen, ob sie einen guten Tausch gemacht haben.

Dieser Gedankengang, der die Wirtschaftswissenschaft von Grund auf veränderte, wurde seinerzeit gleichzeitig von britischen (W. St. Jevons) , österreichischen (C. Menger, E. von Böhm-Bawerk) und italienischen (V. Pareto) Ökonomen vorgetragen.

Die Illusion - und es ist eine Illusion -, dass alle Dinge ihren 'gerechten Preis' haben, der objektiv feststellbar ist, ist aber hartnäckig und taucht in fast jeder Alltagsdiskussion erneut auf. Und dass Lohnabhängige per se ausgebeutet werden, ist der unausgesprochene Konsens aller Sozialpolitiker von links bis rechts.

Es lohnt sich also immer noch, Philip Wicksteed zu lesen.

*Auch sein Hauptwerk, das brillante 'Common Sense of Political Economy' (1910) steht online.

Kommentare:

Le Penseur hat gesagt…

Danke für den Artikel, den ich gerne auf meinen Blog verlinke!

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Le Penseur,

es freut mich, dass Ihnen der Beitrag gefallen hat.

Interessant ist übrigens, dass die Wicksteedsche Marx-Kritik seinerzeit eine Antwort Bernard Shaws provozierte, der vergeblich versuchte zu retten, was nicht zu retten war.

Als Wicksteed auf diese Antwort seinerseits replizierte , blieb Shaw nur noch peinlich berührtes Schweigen.

Das war, wie gesagt, 1884 - Jahre bevor der Marxismus seinen Siegeszug in Europa antrat.

Wicksteed hatte die besseren Argumente, die Sozialisten die irregeführten Massen auf ihrer Seite.

Herzliche Grüße
Morgenländer

Friedrich hat gesagt…

"Wicksteed hatte die besseren Argumente, die Sozialisten die irregeführten Massen auf ihrer Seite."

Da hat sich ja dann nicht viel geändert ;-(

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Friedrich,

bei Walter Eucken habe ich zu diesem traurigen Thema einmal einen sehr klugen Satz gelesen:

"Während die Menschen nur in bestimmten Ordnungen leben können, tendieren sie als Masse dazu, gerade die funktionsfähigen Ordnungen zu zerstören." (Grundsätze der Wirtschaftspolitik)

Noch ein kleiner Nachtrag: Als Friedrich Engels 1894 den dritten Band des "Kapitals" aus Marx' Nachlass herausgab, zeigte der österreichische Ökonom Eugen v. Böhm-Bawerk in einer sehr detaillierten Rezension (die ich online nur in englischer Übersetzung gefunden habe) die inneren Widersprüche der Marxschen Wert- und Mehrwerttheorie auf und wies nach, dass Marx selbst seine Analyse zu guter Letzt dementierte.

Die Erwiderungen der Marxisten Hilferding und Bucharin waren kläglich; Eduard Bernstein, Marxist der ersten Stunde, gestand sogar offen ein, dass die Mehrwerttheorie unhaltbar sei.

Das hat der Verbreitung dieser Theorie aber keinen Abbruch getan, eher im Gegenteil, ihr propagandistischer Wert war ja auch einfach zu groß.

Herzliche Grüße
Morgenländer