9. Oktober 2011

Franz Rosenzweig über das Gebet

Convento de Cristo, Tomar, Portugal (Foto: Alvesgaspar)

Wir steigen im Gebete
zu ihm wie aus dem Tod.
Sein Hauch, der uns durchwehte
tat unserem Herzen Not.

verkündet Achim v. Arnim in einem Gedicht, dessen Rat niemals trügen wird, auch wenn uns von Zeit zu Zeit eine Stimme die Frage ins Ohr flüstert, ob wir denn wirklich glaubten, dass da irgendwo jemand sei, der unsere Worte hört.

Die anthropozentrische Wende hat auch vor dem Gebet nicht Halt gemacht, und so ist es üblich geworden, es als (hilfreiches, unsinniges, therapeutisch wertvolles oder ich-süchtiges) Selbstgespräch aufzufassen.

Der Ganz Andere, an den wir uns im Gebet wenden, sei nur ein idealisiertes Bild unserer selbst (oder eine idealisierte Vaterfigur), sagt man uns. Wir vergewissern uns im Gebet unserer Werte, erkennen unsere verloren geglaubten Ressourcen, schöpfen Kraft in der Erinnerung an gemeisterte Krisen, lehrt man uns.

Dabei sollten die Damen und Herren, die solches behaupten, doch schon aus dem Baron v. Münchhausen gelernt haben, dass es unmöglich ist, sich am eigenen Zopfe aus dem Sumpf zu ziehen.

Vor diesem geistesgeschichtlichen Hintergrund zu einem anderen Verständnis des Gebets gekommen zu sein, ist das große Verdienst von Franz Rosenzweig.

Franz Rosenzweig (1886 - 1929), einer der einflussreichsten Neuhegelianer des 20. Jahrhundert, wandte sich im Laufe seines viel zu kurzen Lebens vom Idealismus ab, in dem er einen vergeblichen Versuch zur Selbsterlösung des Menschen erkannte, und schrieb mit dem "Stern der Erlösung" (1921) eines der bedeutendsten Werke jüdischer Religionsphilosophie.

Rosenzweig versteht das Gebet als Antwort: Nicht der Mensch ist es, der das Wort erhebt und seine, doch oft recht nichtigen, Wünsche einem vielleicht tauben Ohr zu Gehör bringen will; Er spricht als erster und SEine Rede ist Liebesgebot und Liebeserklärung.

Gottes Anrede an uns ist das Gebot: "Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, von ganzen Herzen und von ganzer Seele und aus allem Vermögen." Wenn wir dieses Gebot vernehmen, werden wir inne, dass Gott uns liebt, denn nur ein Liebender kann wünschen, geliebt zu werden.

Der so Angesprochene wird bekennen müssen, dass er bis dahin von Gottes Liebe unergriffen und unerschüttert gewesen ist, sündig. Das Sündenbekenntnis befreit die Seele zur Liebe Gottes; sie kann nun wünschen, in der Liebe Gottes zu bleiben, und sie kann wünschen, dass diese Liebe die Welt erfüllt.

Unser Gebet ist dieser Wunsch:
"Es wird hier gar nicht gefragt, ob dem Gebet Erfüllung wird. Das Gebet ist die Erfüllung. Die Seele betet mit den Worten des Psalms: Laß mein Gebet und deine Liebe nicht von mir weichen. Sie betet um das Betenkönnen, das mit der Gewißheit der göttlichen Liebe ihr schon gegeben ist. Daß sie beten kann, ist das Größte, was ihr in der Offenbarung geschenkt wird." (SdE, S. 205/206, Ffm 1988)
Ludwig Feuerbach und die, die nach und mit ihm das Gebet als imaginäre Tröstung in Not und Nöten verstanden, übersahen etwas ganz Wesentliches: die Not wird nur erfahrbar vor dem Hintergrund einer Fülle, und noch das bedrängteste Stoßgebet ist Lob und Dank.
"Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?

In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.

Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.

Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten

der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." (Röm 8, 35-39)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wenn Beten etwas aendern koennte, waere es verboten! Von daher ist es nicht nur nicht verboten, sondern sogar von den (allermeisten) Herrschern in saemtlichen Teilen der Welt erwuenscht und gefoerdert. Denn: wer da ein hoeheres Wesen um Erleichterung bittet, der muckt eben nicht so schnell gegen die grausamen Realitaeten seiner Existenz auf....

Eine altbekannte Wahtheit; heute aktueller denn je :-)

Gruss von der Insel.

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Inselbewohner,

du weißt aber schon, dass viele, die im Kampf gegen Gewalt und Unrecht ihr Leben verloren haben, große Beter gewesen sind?

Nicht von ungefähr schrieb Reinhold Schneider in dunkler Zeit sein Sonett "Allein den Betern":

Allein den Betern kann es noch gelingen
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug’ entschleiert,
Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.

Herzliche Grüße
Morgenländer

Anonym hat gesagt…

Also ich denke wirlich, Beten und Kaempfen schliessen sich weitestgehend aus!

In leichterem Tone moechte ich deinem frommen Gedicht nur etwas von Kaestner entgegenhalten, der da sagte:

"Die Welt ist groß. Du wirst dich drin verlaufen.
Wenn du dich nur nicht allzu weit verirrst ...
Ich aber werd mich heute nacht besaufen
und bißchen beten, daß du glücklich wirst."


In diesem Sinne, schoenen Sonntagabend!


Gruss von der Insel.

Morgenländer hat gesagt…

Was bleibt mir da, als mit W.H. Auden und eine Tonart ernster zu antworten (aus dem Gedächtnis zitiert):

"Felicissima notte! May you be assured
that within the circle of our affection
you have no double."

Herzliche Grüße
Morgenländer