20. Juni 2013

Enden

Foto: Colin Grice

Von Anfangssätzen in der Literatur ist im Blog schon einmal die Rede gewesen; gestern fragte mich eine Freundin nach meinem Lieblings-Schlusssatz.

"I lingered round them, under that benign sky; watched the moths fluttering among the heath, and hare-bells; listened to the soft wind breathing through the grass; and wondered how any one could ever imagine unquiet slumbers for the sleepers in that quiet earth."

Das stille Ende des vielleicht stürmischsten Romans der Weltliteratur - Prosa wird hier fast zum Gedicht, und alles wird gut.

Musik am Morgen: Spiegel im Spiegel (Arvo Pärt)

19. Juni 2013

Musik am Abend: The Silver Swan (Orlando Gibbons)

Der cause célèbre der 50er Jahre

Ethel und Julius Rosenberg

Papst Pius XII. bat den amerikanischen Präsidenten um Gnade für das Paar, Jean-Paul Sartre geißelte eine moderne Hexenjagd und Pablo Picasso sprach von der Hinrichtung als 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit':

Vor sechzig Jahren wurden Ethel und Julius Rosenberg auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Zwei Jahre zuvor war das Ehepaar der Spionage für die Sowjetunion schuldig gesprochen worden, eine Anklage, die sie bis zuletzt bestritten.

Man weiß heute, dass sie gelogen haben.

Julius Rosenberg war 1942 durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD rekrutiert worden; sein russischer Agentenführer erklärte später, sein Freund Rosenberg habe geholfen, die militärische Industriespionage zugunsten Moskaus zu organisieren; Ethel Rosenberg unterstützte ihren Ehemann und empfahl ihrerseits weitere Rekruten für den sowjetischen Spionagering.

In seinen Memoiren erklärte Nikita Chruschtschow 1970, das Ehepaar habe bedeutende Hilfe dazu geleistet, die Produktion einer sowjetischen Atombombe zu beschleunigen.

Man versteht das Handeln der Rosenbergs wohl nur, wenn man sich des prokommunistischen Meinungsklimas zur Zeit der Roosevelt-Administration erinnert.

Damals kämpften die USA Seite an Seite mit dem gutmütigen Uncle Joe gegen das Reich des Bösen. Der Bolschewismu galt als 'großartiges Experiment', der US-Vizepräsident Henry Wallace lobte die sibirischen Arbeitslager und die wenigen, die Stalin als das sahen, was er war - ein schlimmerer Massenmörder als Hitler -, galten als gefährliche Kryptofaschisten.

Man mag den Rosenbergs also den Zeitgeist und ihren naiven Idealismus zu Gute halten - doch auch Naivetät kann sträflich sein, und wenn überhaupt irgend ein Verbrechen verdient, mit dem Tode bestraft zu werden, dann ist dies wohl der Landesverrat.
"If I had to choose between betraying my country and betraying my friend, I hope I should have the guts to betray my country",
schrieb der englische Romancier E.M. Forster einst - ein verführerischer Satz, nicht unähnlich dem, den die Schlange im Paradiesgarten äußerte.

Wer sein Land zugunsten eines Verbrecherregimes verrät, verrät eben damit auch seine Freunde, die im Schutz seiner freiheitlichen Institutionen leben.

"If you want a vision of the future, imagine a boot stamping on a human face - forever." (George Orwell)
Die Rosenbergs taten das Ihre, diese Schreckensvision Wirklichkeit werden zu lassen, daran sollte sich erinnern, wer US-Präsident Eisenhower, der ihre Begnadigung ablehnte, der Unmenschlichkeit bezichtigt.

Musik am Morgen: Le Cygne (Camille Saint-Saëns)

18. Juni 2013

Musik am Abend: Pavane, op. 50 (Gabriel Fauré)

The Revelation (Coventry Patmore)

John Singer Sargent: Coventry Patmore

An idle poet, here and there,
Looks round him; but, for all the rest,
The world, unfathomably fair,
Is duller than a witling’s jest.
Love wakes men, once a lifetime each;
They lift their heavy lids, and look;
And, lo, what one sweet page can teach,
They read with joy, then shut the book.
And some give thanks, and some blaspheme
And most forget; but, either way,
That and the child’s unheeded dream
Is all the light of all their day.

Musik am Morgen: Andante festivo (Jean Sibelius)

17. Juni 2013

Musik am Abend: Impromptu in b-Moll, op. 12 (Alexander Skrjabin)

Gedenken an einen Volksaufstand

Quelle: Bundesarchiv

Der 17. Juni 1953 und seine blutige Niederschlagung drohen mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten; umso erfreulicher, dass im Netz eine virtuelle Gedenktafel für die Toten des Volksaufstandes zu finden ist.

55 Namen sind dort gelistet, um kurze Biografien ergänzt.

Erläuternd heißt es dazu:
"Die Biographien der meisten Toten des Volksaufstandes und die Umstände, unter denen sie ums Leben kamen, sind bis heute wenig bekannt.

Die Darstellung ihres persönlichen Schicksals ist ein Versuch, die Toten vor dem Vergessen zu bewahren und ihnen und ihren Angehörigen und Freunden auf diese Weise eine späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen."
Neugierig wurde ich, als ich dort auf die Namen von Volkspolizisten und Stasi-Mitarbeitern stieß. Dass sich auch Angehörige des DDR-Sicherheitsapparates auf die Seite der Aufständischen geschlagen und dies mit ihrem Leben bezahlt hatten, war mir unbekannt.

Die Lektüre der Biographien belehrt dann allerdings darüber, dass Georg Gaidzik, Gerhard Händler, Wilhelm Hagedorn und Johann Waldbach keineswegs Freiheitskämpfer waren, sondern auf Seiten der Staatsmacht ihr Leben ließen. Die Darstellung ihrer Todesumstände wird - wohl in Ermangelung anderer Zeugnisse und gänzlich kritiklos-  aus MfS-Dokumenten übernommen.

Geschichte als Nacht, in der alle Katzen grau sind.

Ist das noch Gedankenlosigkeit oder schon Geschichtspolitik?

Verantwortet wird die Seite von der Bundeszentrale für Politische Bildung, dem Deutschlandradio und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Musik am Morgen: Andante aus der 2. Symphonie (Anton Bruckner)